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Jürgen Kaube (kau)

Zum Tod von Enzensberger : Unstetigkeit als Profession

  • -Aktualisiert am

Hans Magnus Enzensberger (1929-2022) Bild: Frank Röth

Hans Magnus Enzensberger ist tot. Er war einer der wenigen Schriftsteller, die man als Intellektuelle bezeichnen konnte.

          2 Min.

          Es ist immer viel von den Intellektuellen die Rede. Er war einer der ganz wenigen. Hans Magnus Enzensberger war mehr als ein Schriftsteller. Seine größte Wirkung hatte er nicht durch Romane, Gedichte oder Dramen. Sein größter Erfolg war ein Kinderbuch, das die Angst vor Mathematik nehmen sollte. Verlegerisch bleibt er durch die „Andere Bibliothek“ in Erinnerung, die er mit dem Drucker Franz Greno gründete. Zuvor gab er die Zeitschriften „Kursbuch“ (ganz links, theorieorientiert, debattenstark) und „Transatlantik“ (ganz elegant, reportagenorientiert, ironisch-kontemplativ) heraus. Wir verdanken ihm den klügsten Aufsatz über Tourismus aus der Zeit des Wirtschaftswunders, die bissigsten Anmerkungen zur Sprache des „Spiegels“ mit dessen Pseudo-Anschaulichkeit und zu dieser Zeitung, deren Leitartikeln er einen „händeringenden“ Stil attestierte. Dass er dazwischen lesebuchreife Gedichte schrieb, darunter das berühmte, das zur Lektüre von Fahrplänen statt Oden aufrief, mutet fast wie eine Nebentätigkeit an.

          Dem Suhrkamp Verlag, für den er eine Zeit lang arbeitete, hat er Dutzende von Autoren aus aller Welt zugeführt. Er übersetzte aus ebenso vielen Sprachen, auch aus solchen, die er gar nicht sprach, und kannte früher als die meisten, was andernorts erschien. Im „Kursbuch“ fanden sich unter seiner und Karl Markus Michels Regie früh Aufsätze von Alan Turing und Claude Lévi-Strauss, Stücke des Biologen von Linné wie seines Konkurrenten Oken, Abhandlungen zur Grammatik wie zur Mathematik und über Kuba, an das er Teile seiner utopischen Energie verschwendete. Hans Magnus Enzensberger war ein Kind der Schwarzmärkte seiner Jugend vor der Währungsreform, auf denen er sich erfolgreich herumgetrieben hatte. Was immer ihm unterkam, ein Text, ein Argument, ein Projekt, prüfte er mit untrüglichem Gespür auf Marktfähigkeit in der Welt des Ideenumlaufs. Abnehmer fand er immer, man denke an die vielen „Spiegel“-Essays oder die schier endlose Serie von Kilroy-Sprüchen, die er einst dem Feuilleton der F.A.Z. andrehte.

          Er war zeitweise nur irrtümlich angestellt, im Wesen ein Selbständiger mit einem Bauchladen, in dem es immer Schubfächer gab, in denen unerwartete Gedanken lagen. Vom „man müsste mal“ zur Tat war es bei ihm nur ein Wochenende. Die große Beweglichkeit seines Intellekts machte ihn unabhängiger als seinen Zeitgenossen Jürgen Habermas, den anderen Intellektuellen. Enzensberger nahm wenig Rücksichten auf eigene Positionen und die seines Milieus, wenn er über die islamische Bildungskatastrophe, über die Bürokratie in Brüssel oder über die Unvermeidlichkeit des Kleinbürgertums schrieb und sogar Erbarmen mit den Politikern forderte. Lange Aufenthalte waren weder politisch noch kulturkritisch seine Sache.

          Seine Vorbilder waren Denis Diderot und Edward Lear, Aufklärung, Spiel und Nonsens waren für ihn nämlich keine Gegensätze. Wer ihn las, mochte sich in die Stunden beim Kartenzauberer zurückversetzt fühlen, in denen jede Wette, die man auf etwas abschließt, verloren geht, einem viermal hintereinander beim Ziehen aus dem Stapel der Pikbube aufgezwungen wird, um kurz darauf im Nichts zu verschwinden. So hantierte Enzensberger mit Themen und Thesen. Er war der variantenreichste Gedankenspieler deutscher Sprache, er hat aus der Unstetigkeit eine Profession gemacht, er war ein Vorbild, wir trauern sehr um ihn.

          Jürgen Kaube
          Herausgeber.

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