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Zum Tod von Hans Keilson : Halb Prospero, halb Ariel

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Ein Jahrhundert in der Literatur gelebt: Hans Keilson (1909 bis 2011) Bild: Barbara Klemm

Mit siebzehn Jahren veröffentlichte er seinen ersten Essay, vor kurzem erschienen seine Erinnerungen „Da steht mein Haus“. Nun ist der Autor und Psychoanalytiker Hans Keilson im Alter von 101 Jahren gestorben.

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          Hundert Jahre war der Schriftsteller Hans Keilson alt, als ihm die weltweite Anerkennung zuteil wurde, die dem Rang seines Werks entspricht. In hymnischen Rezensionen der „New York Times“ und in der „New York Review of Books“, in „El País“ und „La Repubblica“ wurden Bücher wiederentdeckt, die Keilson in den vierziger und fünfziger Jahren geschrieben hatte. Neuübersetzungen in weitere Sprachen folgten rasch, und auf einmal sah es beinahe so aus, als habe alle Welt immer schon gewusst, was die New Yorker Kritiker so energisch erklärten: dass Hans Keilson nicht nur einer der bedeutendsten Stimmen des deutschsprachigen Exils sei, sondern überhaupt einer der wichtigsten Autoren der Gegenwart.

          Das zu höchsten Vokabeln greifende Lob, das dem Geehrten bald etwas unheimlich wurde, galt den künstlerischen und den humanen Qualitäten dieser Bücher, und es galt der Tatsache, dass beide nicht zu trennen sind. Das Erstaunlichste dieser Wiederentdeckung aber ist der Umstand, dass sie den Geehrten mitten in der Arbeit antraf, als einen überaus lebhaften, im mehrfachen Sinne gegenwärtigen Autor. Seit mehr als achtzig Jahren war das so gewesen, und es ging noch immer so weiter.

          Elementare psychologische Fragen

          Hans Keilsons erster Text war 1928 erschienen, ein Essay über Hermann Hesses „Demian“. Darin hatte der Siebzehnjährige sogleich eines der Themen gefunden, die ihn bis in seine letzten Jahre beschäftigen sollten. Von den verborgenen Tiefen der Psyche so zu erzählen, dass sie sich der Empathie und der Analyse gleichermaßen öffneten, das wurde sein Lebensthema - als Psychoanalytiker, dessen Abhandlungen und Essays sich manchmal lesen wie Geschichten, und als Lyriker und Erzähler, dessen Texte um elementare psychologische Fragen kreisen. Früh und gründlich wichen die neu-romantischen Töne, die der junge Keilson an Hesses Romanen und Thomas Manns „Tonio Kröger“ bewundert hatte, einer kühleren Haltung, die ihn in die Neue Sachlichkeit führte.

          Vor Hans Keilsons Geburtshaus: Ralf Lehman, Bürgermeister der ostbrandenburgischen Kurstadt Bad Freienwalde mit dem Erinnerungsbuch «Da steht mein Haus»
          Vor Hans Keilsons Geburtshaus: Ralf Lehman, Bürgermeister der ostbrandenburgischen Kurstadt Bad Freienwalde mit dem Erinnerungsbuch «Da steht mein Haus» : Bild: dpa

          Sein erster Roman, „Das Leben geht weiter“, erzählt eine Vater-Sohn-Geschichte aus der Weltwirtschaftskrise. Den Zusammenbruch einer kleinbürgerlichen Existenz hatte der 1909 geborene Sohn eines jüdischen Kaufmanns in seinem Elternhaus selbst erlebt, in Bad Freienwalde und dann im Berlin der zwanziger Jahre, in dem er sein Medizinstudium als Jazzmusiker finanzierte. Als das Buch 1933 bei S. Fischer erschien, betreut von Oskar Loerke, da kam es „gerade rechtzeitig, um verboten zu werden“. Da Keilson dem Berufsverbot für jüdische Ärzte unterlag, arbeitete er als Turnlehrer an jüdischen Schulen in Berlin; 1936 ging er in die Niederlande ins Exil. Hier wurde ihm die Literatur zum Überlebensmittel. Aus Gedichten und Novellenversuchen ging nicht nur die „Komödie in Moll“ hervor, eine makabre und zauberhafte Erzählung (und in ebendieser Mischung liegt ihr Glanz), sondern auch sein wichtigstes Buch, der Roman „Der Tod des Widersachers“.

          Zu jung für einen lorbeerbekränzten Ruhestand

          Er erzählt die Geschichte eines Mannes, dessen Eltern deportiert und ermordet werden und der als Flüchtling überlebt - erzählt also wiederum Keilsons eigene Geschichte und die seiner Eltern. Aber er verfremdet sie zur Parabel, in der die Mechanismen des Hasses bloßgelegt werden sollen, die untergründigen Beziehungen zwischen Verfolger und Verfolgten, zwischen Mördern und Opfern, das zutiefst unheimliche Ineinander von Liebe und Hass. Als dieses an den Grenzen des Erzählens balancierende Text-Experiment 1959 endlich erschien, da wollte man es in Deutschland nicht lesen. Anders, schon damals, in den Vereinigten Staaten. Das Magazin „Time“ setzte Keilsons 1962 übersetzten Roman auf die Liste der zehn besten Bücher des Jahres, zusammen mit Werken Nabokovs und des jungen Philip Roth.

          Da aber war Keilson schon woanders. Gleich bei Kriegsende hatte er sich mit Freunden aus dem holländischen Widerstand einer Hilfsorganisation für jüdische Waisenkinder angeschlossen. Für viele Jahre wurde diese Arbeit sein Lebensinhalt; aus ihr ging die große Studie über Traumatisierungen hervor, die längst zum wissenschaftlichen Standardwerk avanciert ist. Mit ihr wurde der Siebzigjährige 1979 in Amsterdam promoviert; bis kurz vor seinem Tod hat er als Psychoanalytiker weiter praktiziert. Dabei blieb der Arzt ein Dichter. Sein Lyrikband „Sprachwurzellos“ erschien 1986, weitere Gedichte und zahlreiche Essays folgten in den neunziger Jahren; er wurde zum Präsidenten des Exil-Pen gewählt und in die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung, Preise und Neuausgaben folgten. Und doch, für einen lorbeerbekränzten Ruhestand war der Uralte zu jung.

          Zart bis zur Durchsichtigkeit

          Schon in den neunziger Jahren hatte Keilson mit der Arbeit an einem Erinnerungsbuch begonnen, Ende 2010 schloss er diesen Text ab. „Da steht mein Haus“ wurde ein kleines Wunder, sein schönstes und leichtestes Buch. Dabei erzählt es, in knappen und lakonisch genauen Bildern, noch einmal von den großen Katastrophen des Jahrhunderts, das der Erzähler zu seiner eigenen Verwunderung überlebt hatte, von der Ermordung der Eltern, von Zusammenbrüchen, von zwei Weltkriegen.

          Keilsons letzte Prosa liest sich so, wie er selbst aussah in seinen letzten Jahren, halb Prospero, halb Ariel - zart bis zur Durchsichtigkeit und dabei doch verblüffend energisch und von jener unpathetisch sanften und melancholischen Heiterkeit, die nicht trauern kann, ohne zu lieben. Nach diesem Text, so heißt es auf der letzten Seite, müsse eigentlich nur noch die Beerdigung kommen, der Leser brauche bloß umzublättern. Am vergangenen Dienstag ist Hans Keilson, im einhundertzweiten Lebensjahr, in Hilversum gestorben.

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