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Zum Tod von Günter Grass : Mahner, Warner, Weltgewissen

Günter Grass bei der Nobelpreisverleihung: Ein Moralist, beauftragt von der wohl einzigen Instanz, an die er uneingeschränkt zu glauben vermochte: sich selbst. Bild: Barbara Klemm

Die wichtigste Gewissheit für Günter Grass war: Nie wieder auf der falschen Seite zu stehen. So wurde ihm als engagiertem Intellektuellen das Misstrauen zur Lebensform.

          3 Min.

          Günter Grass war der letzte Literaturnobelpreisträger des zwanzigsten Jahrhunderts. Als er die langersehnte Auszeichnung im Jahr 1999 endlich erhielt, war er schon mehr als siebzig Jahre alt, seine bis heute wichtigste Veröffentlichung, der Roman „Die Blechtrommel“, lag vier Jahrzehnte zurück. Die Liste seiner Vorgänger als Nobelpreisträger beginnt im Jahr 1901 mit dem heute gründlich vergessenen französischen Lyriker Sully Prudhomme, der noch am deutsch-französischen Krieg von 1870/71 teilgenommen hatte. Prudhomme verarbeitete seine Kriegserlebnisse umgehend und veröffentlichte nur ein Jahr später die „Impressions de la guerre“.

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

          Grass hat mehr als sechzig Jahre lang darüber geschwiegen, dass er im Herbst 1944 als Siebzehnjähriger der Waffen-SS angehört hatte. Der frühe Triumph der 1959 erschienenen „Blechtrommel“ und das späte, 2006 erfolgte Eingeständnis seiner SS-Zugehörigkeit sind die beiden Ereignisse in diesem Leben, die alles andere überschatten. Die Art und Weise, in der sie miteinander verbunden sind, mag man tragisch nennen. Ganz sicherlich bilden sie jedoch eine eiserne Klammer, in der Grass stak wie in einer Panzerung: geschützt und gefangen zugleich.

          Ein Reisender in Sachen Weltmoral

          Im Laufe seines Lebens hat dieser Schriftsteller, der malte, zeichnete und Radierungen wie Skulpturen schuf, vieles verkörpert: das junge, unbändige Originalgenie mit kaschubischen Wurzeln, das die „Gruppe 47“ durcheinanderwirbelte, ebenso wie das Versprechen, dass die Literatur der frühen Bundesrepublik Anschluss an die literarische Moderne zu finden vermochte, ohne darüber die eigenen Traditionen von der Barockzeit bis zur Weimarer Republik, von Gryphius bis Döblin, zu verleugnen.

          Grass pflegte den Habitus des engagierten Intellektuellen und wurde zur Galionsfigur einer sich als kritisch und aufgeklärt verstehenden Öffentlichkeit, die ihm den bei jeder Gelegenheit freimütig demonstrierten Allzuständigkeitsanspruch lange Zeit kaum übelnahm. Er war Mahner, Warner, Weltgewissen. Er zog für Willy Brandt und später noch einmal für Gerhard Schröder in den Wahlkampf, bezog Stellung, wo und wann immer es ihm nötig schien, also jederzeit: gegen Wiederbewaffnung und Witwenverbrennung, Wiedervereinigung und Globalisierung. Kein Thema war vor ihm sicher. Er war ein Reisender in Sachen Weltmoral, beauftragt von der wohl einzigen Instanz, an die er uneingeschränkt zu glauben vermochte: sich selbst. So trat er auf, so wurde er wahrgenommen, und deshalb schien der zweifelnde, ausweichende und mit sich selbst hadernde Günter Grass, als den er sich 2006 im Erinnerungsbuch „Beim Häuten der Zwiebel“ präsentierte, auch so fremd.

          Zigaretten auf dem Schwarzmarkt

          Grass war fünfzehn, als er sich freiwillig zur Wehrmacht meldete, um, wie er später sagte, der häuslichen Enge zu entkommen. Bücher gab es kaum in der kleinen Danziger Wohnung, die zugleich als Krämerladen diente. In seinem Erinnerungsbuch hat Grass geschildert, wie er als kleiner Junge von der Mutter losgeschickt wurde, um säumige Zahler unter den Kunden an ihre Schulden zu erinnern. So habe er Rechnen gelernt.

          Von Hans Magnus Enzensberger, Jahrgang 1929, weiß man, dass er nach Kriegsende nicht ohne Erfolg mit Zigaretten auf dem Schwarzmarkt handelte. Der 2008 gestorbene Peter Rühmkorf, ebenfalls Jahrgang 1929, hat berichtet, dass er die von Grass als Phase der schwärzesten Restauration verteufelten frühen fünfziger Jahre ganz anders wahrgenommen habe: als eine Zeit geradezu anarchischer Freiheit, eine Zeit des Experimentierens, ohne Regeln und von keinerlei Gewissheiten belastet. Erst spät hat die Öffentlichkeit erkannt, auf welch komplexe und vertrackte Weise die führenden Intellektuellen dieser Generation von dem geprägt waren, worüber sie jahrzehntelang geschwiegen hatten: ihre Jugend im „Dritten Reich“.

          „Wir waren gefürchtet und sind es immer noch“

          Anders als Rühmkorf wollte Grass ohne Gewissheiten nicht auskommen. Die für ihn wohl wichtigste wurde erst spät erkennbar: Die Gewissheit, nie wieder im Leben auf der falschen Seite zu stehen. Grass hat seine SS-Zugehörigkeit lange verschwiegen, sich aber nie als Widerständler inszeniert. Im Gegenteil, schon früh hat er offen eingestanden, dass er bis zuletzt an den „Endsieg“ geglaubt und die Berichte über Konzentrationslager und die systematische Ermordung von Juden für Propaganda der Alliierten gehalten habe. Erst als Baldur von Schirach, der sogenannte „Reichsjugendführer“, beim Nürnberger Prozess die Greueltaten der Nationalsozialisten bestätigte, habe er die schreckliche Wahrheit akzeptiert.

          Dass er wohl auch von sich selbst sprach, gab er nicht im geringsten zu erkennen, als er im Jahr 1985 in einer Rede zum Jahrestag der Kapitulation am 8. Mai sagte: „Alle wussten, konnten wissen, hätten wissen müssen.“ Zwanzig Jahre später sagte er aus demselben Anlass über die Deutschen: „Wir waren gefürchtet und sind es immer noch. Uns selbst waren wir fürchterlich.“ In Gestalt von Günter Grass ist jetzt einer der bedeutendsten Vertreter einer Generation gestorben, die keine Schuld auf sich lud und dennoch das Misstrauen gegen sich selbst und alle anderen nie abgelegt hat. Im Gewand des engagierten Intellektuellen hatte Günter Grass dieses Misstrauen zu seiner Lebensform gemacht.

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