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Zum Tod von Gabriel García Márquez : Unsere Geschichten, nur anders erzählt

Gabriel García Márquez im April 2005 in Barcelona Bild: dpa

Mit Kafka teilte er die Einfühlung in das Schicksal der Bedrängten. Das Erfolgsrezept seiner Bücher könnte den Titel eines Aufsatzes tragen, den er 1993 veröffentlicht hat. Zum Tod von Gabriel García Márquez.

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          Über den literarischen Rang von Gabriel García Márquez gibt es keine Diskussionen. Wohin man auch greift in seinem Werk, man schlägt eine Weltanschauung auf. Das ist buchstäblich zu verstehen: Der Meisterbeschreiber nimmt die ganze Welt in den Blick. Ian McEwan vergleicht den kolumbianischen Literaturnobelpreisträger mit Shakespeare. García Márquez hat die fiktive kolumbianische Stadt Macondo zum Schauplatz seines Jahrhundertromans „Hundert Jahre Einsamkeit“ gemacht - Macondo aber ist überall; es ist das Helsingör der Literatur des 20. Jahrhunderts.

          Politisch war García Márquez durchaus umstritten, weil er die Sache Lateinamerikas fanatisch vertrat und weil er zu den engsten Freunden des kubanischen Diktators Fidel Castro zählte. Das hat ihn vor langer Zeit eine andere Freundschaft gekostet: die mit dem peruanischen Literaturnobelpreisträger Mario Vargas Llosa. Doch von dem argentinischen Schriftsteller Julio Cortázar, der gemeinsam mit dem Mexikaner Juan Rulfo und García Márquez das Dreigestirn der modernen lateinamerikanischen Literatur in der Nachfolge von Jorge Luis Borges bildet, stammt die bezeichnende Aussage: „Der Sieg der kubanischen Revolution, die ersten Jahre der Regierung, bedeuteten nicht nur eine bloße geschichtliche oder politische Genugtuung; auf einmal fühlte ich etwas anderes, eine Verkörperung der Sache des Menschen, wie ich sie schließlich erfasst und ersehnt hatte.“ Das Werk der drei ist von einem tiefen Humanismus geprägt; es porträtiert die politischen Hoffnungen nach dem Zweiten Weltkrieg. Enttäuschung, die Grunderfahrung des vergangenen Jahrhunderts, aber war überall.

          Sie ist ein zentrales Element der Bücher von García Márquez, dessen größter Lehrmeister Kafka war, mit dem er die Einfühlung in das Schicksal der Bedrängten teilte. Als er sich als Handelsvertreter für Lexika durchschlug, stieß García Márquez 1949 auf eine Kriminalerzählung, die sich ihm einbrannte - seine Sympathie galt dem von den Ermittlern Verfolgten. Mehr als vierzig Jahre lang suchte er nach dieser Erzählung, bis er sie endlich wiederfand. Sie stammte von Georges Simenon und verlief nicht so, wie er geglaubt hatte. „Dieselbe Geschichte, nur anders“ nannte García Márquez deshalb den Aufsatz, den er 1993 darüber schrieb. Das ist das Erfolgsrezept seiner Bücher: Es sind unsere Geschichten, nur anders erzählt.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

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