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Zum Tod von Franz Mon : Der große Konkrete

Franz Mon in seinem Frankfurter Arbeitszimmer 2016 Bild: Frank Röth

Er jonglierte mit Silben und Sätzen und wurde zum Wegbereiter einer ganzen Generation: Jetzt ist der Dichter Franz Mon mit 95 Jahren gestorben.

          3 Min.

          Franz Mon war ein exklusiver Dichter von Rang. Von der großen Öffentlichkeit kaum wahrgenommen, hat er gleichwohl ein kanonisches Werk geschaffen, das neben dem von Ernst Jandl, Eugen Gomringer oder Friederike Mayröcker zu nennen ist. Speziell zur konkreten und visuellen Poesie hat dieser ausgesuchte Sprachbeweger Maßgebliches beigetragen, der auch als bildender Künstler wirkte und seine Arbeit als Symbiose aus Typographie, Graphik und Lyrik begriff.

          Sandra Kegel
          Verantwortliche Redakteurin für das Feuilleton.

          Im Jahr 1926 unter dem bürgerlichen Namen Löffelholz in Frankfurt am Main zur Welt gekommen, hat Mon seine Heimatstadt praktisch nie verlassen. Nur einmal wurde er fortgerissen, als er sechzehnjährig von der Schulbank des Lessing-Gymnasiums weg als Flakhelfer in den Zweiten Weltkrieg hineingezogen wurde, eine Erfahrung, die er bis ins hohe Alter als Einbruch des Katastrophischen beschrieb. Ein Besuch in der Werkstatt des Dichters in der Dachkammer seines Hauses gewährte vor ein paar Jahren faszinierende Einblicke ins Labor eines Experimentellen. Zwischen Drucken an den Wänden, Hunderten collagierter Wortkunstbilder sowie etlichen Leitzordnern mit Gedichtmanuskripten, abgeheftet nach ihrer Entstehungszeit von den frühen Fünfzigern bis in die Gegenwart, saß ein Neunundachtzigjähriger, der geistreich und mit Wortwitz seine literarische und politische Gegenwart kommentierte.

          Hören und sehen vergehen

          Diese Sprachjonglagen finden sich in seinem gesamten Œuvre, angefangen von frühen Hörfunkcollagen wie „Das Gras wies wächst“ oder „Hören und sehen vergehen“ bis zu seinen späten Wortbildern, jenen visuell kühn zusammengeballten Buchstaben, hinter denen sich erst bei genauer Betrachtung Wörter zu erkennen geben. Franz Mon tippte, wie es sich für einen Konkreten gehörte, bis zuletzt auf seiner weißen „Monica“. Für ihn und seine Kollegen war die Schreibmaschine in der Nachkriegszeit, als das Papier teuer war und sie sich keine Druckerei leisten konnten, mehr als bloß ein Werkzeug, sie war ihr „poetisches Instrument“, das es ermöglichte, Texte wie gedruckt aussehen zu lassen.

          Als Franz Mon in den frühen Fünfzigern sein erstes Gedicht veröffentlichte, „Die Lüge ist der Pass des Grenzübertritts“, wählte er sein Pseudonym, benannt nach einer Figur aus seiner Erzählung „Der Friedhof östlich vom Nil“ von 1948. Der neue Name war na­türlich Programm, kurz und griffig, und überdies nicht nur das französische Palindrom für „mein Name“ – mon nom –, sondern auch das griechische „monos“ steckte da drin: allein.

          Das „Ichige“ wollte er stets aus seinen Texten heraushalten, die eigene Biographie oder Autofiktion waren weder sein Genre noch das Geschäft der konkreten Poesie, deren zentrales Moment es ist, Sprache nicht als Mittel, sondern als Ma­terial zu verwenden. Und dass literarische Texte nicht nur aus Wörtern und ihrer Bedeutung bestehen, sondern auch einen akustischen Erfahrungsraum ha­ben, das erörterte Franz Mon 1959 in seinem ersten wichtigen Buch, „artikulationen“, über die Verbindung von Schrift, Bild und Stimme. Dieser Dreiklang be­stimmte Mons Schaffen, und so ist es kein Wunder, dass der von dem Lyriker Michael Lentz (siehe die nebenstehende Anthologie) bei S. Fischer herausgegebene Band mit Texten und Essays Franz Mons von 1956 bis in die Gegenwart diese Dreiteilung in skripturale, visuelle und akustische Phasen dokumentiert.

          Dass Kunst sein Lebensinhalt werden würde, diesen Entschluss fasste Mon in der Nachkriegszeit. Im britischen Gefangenenlager war er als Neunzehnjähriger erstmals mit der Moderne in Berührung gekommen, die im Deutschland der Nationalsozialisten verboten gewesen war. Nach der bedrückenden Erfahrung von Zwang und Nötigung öffnete sich ihm eine ganz neue, ungeahnte poetische Freiheit, und ausgehend von der Erfahrung des Faschismus suchte er fortan an die verschütt gegangenen Traditionen der literarischen Avantgarde anzuknüpfen und die Sprache gleichsam aus ihren sinnstiftenden Verklammerungen zu befreien.

          Der Analytiker unter den Sprachspielern

          Mon studierte Literatur, Geschichte und Philosophie, wurde mit einer Arbeit über den Dichter der Aufklärung Bar­thold Heinrich Brockes promoviert und beschäftigte sich unter anderem mit den Werken und Theorien des Malers Karl Otto Götz. Doch es war Kandinskys Schrift „Über das Geistige in der Kunst“ über die Kunst, Wörter zu isolieren, die zu Mons Initialzündung wurde.

          Mit Walter Höllerer und Manfred de la Motte gab er 1960 die Lyrik-Anthologie „movens“ heraus, die eine ganze Generation junger Künstler und Autoren prägte. Sein doppelspurig gedruckter Roman „herzzero“ forderte 1968 den Leser auf, den Text nach Belieben zu verändern. Mons Analysen zum Barock, zum Expressionismus oder zum Surrealismus lassen dabei ebenso wie seine Betrachtungen einzelner Künstler von Mallarmé bis Schwitters den Kosmos dieses Analytikers unter den Sprachspielern erkennen.

          Mit dem Verwertungsgedanken von Kunst konnte Franz Mon sich indes nie anfreunden. Die Kunst war ihm dafür zu wichtig, weshalb er bis zum Ruhestand als Verlagslektor tätig war und an Kunsthochschulen in Offenbach, Kassel und Karlsruhe unterrichtete. Er war ein theoriegeleiteter Jongleur der Silben und Sätze, der die Lust am Spiel nie leugnete. Gestern in den frühen Morgenstunden ist Franz Mon gestorben. Er wurde fünfundneunzig Jahre alt.

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