https://www.faz.net/-gr0-9sz64

Ernst Augustin Bild: dpa

Zum Tod von Ernst Augustin : Aufwachen im Traum

Zeitlebens beschäftigte ihn das Spannungsfeld zwischen den Dingen und dem Bild, das wir uns von ihnen machen: Zum Tod des Autors Ernst Augustin.

          2 Min.

          Wenn man die Rede vom „Amerikanischen Traum“ wörtlich nimmt, dann kommen Romane wie der um den mecklenburgischen Jungen heraus, der 1944 von einem amerikanischen Tiefflieger getroffen wird, vom Fahrrad stürzt und nun in einer Art Traum dem Helden seiner Lieblingsbücher begegnet, dem Privatdetektiv Hawk Steen, der sich vor seinen Augen aufmacht, die Besatzung des Tieffliegers zu verfolgen und nach zahlreichen hinreißend kolportagehaften Abenteuern zu stellen – so leicht sollen sie nicht davonkommen! 269 Seiten umfasst der Roman, doch als ganz am Ende das Fahrrad des Jungen langsam zum Stillstand kommt, sind seit dem tödlichen Angriff erst wenige Sekunden vergangen.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          So unübersehbar der Roman „Der amerikanische Traum“ mit seiner im Todesmoment gedehnten Zeit an literarische und filmische Vorlagen anknüpft, so eigenständig, so trostlos tröstlich ist er geraten, lässt er doch einerseits keinen Zweifel am Schicksal des lange vor der Zeit und, wie es scheint, aus der Langeweile der Tieffliegerbesatzung heraus erschossenen Jungen und bahnt doch zugleich der Phantasie des Sterbenden den Weg, die physischen Geschicke triumphal in den Hintergrund des Bewusstseins zu drängen.

          Das Erbe der literarischen Phantastik

          Es ist dieses Spannungsfeld zwischen den Dingen und dem Bild, das wir uns von ihnen machen, das Ernst Augustin zeitlebens beschäftigte, als Arzt und ebenso als Autor. Geboren wurde er 1927 im schlesischen Hirschberg, sein Vater war Studienrat. Später zog die Familie nach Mecklenburg um. Zwei Jahre nach Kriegsende begann Augustin in Rostock ein Medizinstudium, das er 1952 in Ost-Berlin mit einer Dissertation zum „elementaren Zeichnen bei den Schizophrenen“ abschloss. Wiederum sechs Jahre später machte er seinen Facharzt für Psychiatrie und Neurologie, floh aus der DDR und leitete danach ein amerikanisches Krankenhaus in Afghanistan.

          In dieser Zeit begann er zu schreiben, und seine ersten Romane – „Der Kopf“, erschienen 1962, „Das Badehaus“ (1963) und „Mamma“ (1970) – führen uns Protagonisten und ihre Welten vor, die sich nicht an einer äußeren Realität messen lassen – kaum ein Autor seiner Generation hat das Erbe der literarischen Phantastik so intensiv angenommen, verwandelt und in eine ebenso sinnliche wie abgründige Prosa überführt. In „Raumlicht: Der Fall Evelyn B.“ aus dem Jahr 1976 stehen sich dann ein Psychiater und seine Patientin gegenüber, die abwechselnd erzählen und damit die Perspektive des anderen jeweils ergänzen, manchmal unterlaufen oder ihr entgegenstehen.

          „Ich habe viele Leben gelebt“

          Augustin, der nach einem Aufenthalt in Costa Rica in München als psychiatrischer Gutachter arbeitete, wurde von der Kritik anerkannt, erhielt Auszeichnungen wie den Hermann-Hesse-Preis oder den Tukan-Preis der Stadt München und war Mitglied der Bayerischen Akademie der schönen Künste und der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Er überarbeitete frühere Romane und gab sie neu heraus, und der Verlag C.H. Beck ehrte ihn mit einer sukzessiven Werkausgabe.

          Mit seinem Roman „Robinsons blaues Haus“, dessen Erzähler in großangelegten architektonischen Träumen schwelgt, die oft genug die Realität ganz aus dem Blick verlieren, erreichte Augustin ein größeres Publikum – der Roman des knapp Fünfundachtzigjährigen war 2012 für den Deutschen Buchpreis nominiert. Augustin reiste nach Frankfurt und füllte dabei auch den Fragebogen dieser Zeitung aus. Welchen Lebenstraum er aufgegeben habe? „Ich habe viele Leben gelebt und keinen einzigen Traum aufgegeben“, antwortete Augustin, „ich bin zu beneiden.“ Und nach dem Tod? „Wache ich in einem neuen Traum auf.“

          Am Sonntag, wenige Tage nach seinem 92. Geburtstag, ist Ernst Augustin gestorben.

          Weitere Themen

          Das Schöne rettet die Welt

          Cărtărescus neuer Roman : Das Schöne rettet die Welt

          Ein zwölfseitiger Hilfeschrei als Ausdruck der menschlichen Agonie? Mircea Cărtărescu kann sich das leisten, denn in seinem überbordenden Roman „Solenoid“ hat er den Raum dazu. Und die außerdem nötige Poesie.

          Topmeldungen

          Die Ziele der EZB sind umstritten.

          Debatte um Inflationsziel : Was die EZB wirklich antreibt

          Ist die Inflationsbekämpfung das einzig wahre Ziel der EZB oder gibt es noch andere implizite Absichten, die in Entscheidungen einfließen? Eine neue Studie stellt ein interessantes Experiment an.
          Die Eröffnung der Vogelfluglinie: Der dänische König Frederik IX. (links) und Bundespräsident Heinrich Lübke gehen im Mai 1963 im dänischen Hafen Rodbyhavn an Bord der Fähre.

          Von Hamburg nach Kopenhagen : Abschied von der Vogelfluglinie

          Die Zugfahrt von Hamburg nach Kopenhagen führte jahrzehntelang mit der Fähre über die Ostsee. Das war mal ein Verkehrsprojekt der Superlative. Nun ist die Verbindung über das Schiff Geschichte. Eine letzte Fahrt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.