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Zum Tod von Ernesto Cardenal : Die Mütze der Revolution

Geboren 1925 in Granada, Nicaragua: Ernesto Cardenal Bild: EPA

Ein Bürgersohn aus Nicaragua, der stetig zwischen Versenkung und Agitation pendelte: Zum Tod des Dichters, Priesters und Selbstvermarkters Ernesto Cardenal.

          2 Min.

          Würde man die Dichterklischees des zwanzigsten Jahrhunderts in einen einzigen Sack packen, ihn verschnüren, ein paarmal durch die Gegend werfen und wieder öffnen, es käme vielleicht Ernesto Cardenal dabei heraus. Denn in diesem Mann ist fast alles enthalten, vor allem natürlich: „Engagement“. Also Innigkeit und Starrsinn, Liebe und Politik, Poesie und Propaganda. Geboren 1925 in Granada, Nicaragua, durchlief der Bürgersohn Cardenal zahlreiche Stationen, die ihn stetig zwischen Versenkung und Agitation hin und her zerrten. Er studierte Literatur, kämpfte gegen Nicaraguas Diktator Somoza, ging zu dem Trappisten und Mystiker Thomas Merton nach Kentucky, wurde zum Priester geweiht, verschrieb sich der Befreiungstheologie und wurde nach der sandinistischen Revolution zum Kulturminister eines Landes, das es wie Kuba vermochte, das reiche Nordamerika durch sein trotziges sozialistischen Projekt zu ärgern. Cardenals Gedichtband „Psalmen“ (1969) ist das lyrische Zeugnis einer Theologie für die Armen.

          Paul Ingendaay
          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Doch dann wurden die Früchte faul, die Ideale verkümmerten, und 1994 sagte sich Cardenal von den Sandinisten los. Seine ureigene Sache war eher die Pfarrei, die er auf einem Archipel im Großen See von Nicaragua begründete und in seinem Buch „Das Evangelium der Bauern von Solentiname“ verewigte. Ein Gedicht mit dem Titel „Gebet für Marilyn Monroe“ hatte ihn 1965 berühmt gemacht – jetzt wurde er zum Vorzeige-Padre, der die indigenen Völker verteidigte, klassenlosen Humanismus predigte und den Interviewer des „Neuen Deutschland“ noch im Jahr 2010 mit Sätzen entwaffnete wie: „Die perfekte Gesellschaft ist identisch mit Kommunismus.“

          Versteckter Dichter

          Sein „Cántico cósmico“ (Gesänge des Universums) versuchte laut Selbstauskunft, „alles zu einer wissenschaftlichen Poesie zusammenzufassen“, und das fatale Wort – 43 Gesänge und fünfhundert Seiten hindurch – lautet „alles“: Denn Cardenal durchstreifte die Requisitenkammer der Glaubenssysteme und konnte nichts davon liegenlassen. Seine „wissenschaftliche Poesie“ birgt aus der Wissenschaft deshalb nur grelle Etiketten, kaum Gedanken, und rackert sich damit ab, „politische Wissenschaft und Poesie in eine Form zu bringen und mit Mystik und Revolution zu vereinbaren“. Das Ergebnis war eher breit als tief, zeitloses Vehikel für eine bizarre Ego-Mission, die nirgendwo mit mehr Ergriffenheit bestaunt wurde als in Deutschland. Hier fand der Dichter im Verlag Peter Hammer einen hingebungsvollen Publikationsort, hier las er vor vollen Sälen. So wurde Cardenal zum Synonym für die unkonventionellen Wege, die sich das Gute auf Erden sucht. 1980 empfing er den Friedenspreis des deutschen Buchhandels.

          „Aber lassen wir den Prediger, den Rhetoriker Cardenal“, schrieb Harald Hartung in dieser Zeitung vor mehr als zwanzig Jahren. „In ihm ist ja ein wirklicher Dichter versteckt.“ In der Tat. Der wirkliche Dichter berief sich auf Rubén Darío und Ezra Pound, betätigte sich als Formenzertrümmerer, Bricoleur und Visionär. Gleich Pablo Neruda und Eduardo Galeano schrieb er an einer anderen Geschichte des Kontinents mit, gewisse Vergröberungen eingeschlossen. In einem Land, das zu Zeiten der Somoza-Diktatur auf niemandes Landkarte eine Rolle spielte, gab er den Entrechteten eine Stimme. Er vermochte Liebesgedichte zu schreiben, die witzig mit der spanischen Barocktradition spielen und Heines „Ein Jüngling liebt’ ein Mädchen“ klangvoll in die Gegenwart übersetzen. Das unermüdlich variierte Thema: Der Macho ist immer der Blöde. Ernesto Cardenal trug die lustigen Verse auch in hohem Alter noch gern öffentlich vor. Jetzt ist der Dichter und Priester, den Papst Johannes Paul II. vom geistlichen Amt suspendierte und Papst Franziskus I. erst kürzlich rehabilitierte, im Alter von 95 Jahren in Managua gestorben. Man wird ihn nicht so leicht vergessen.

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