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Zum Tod von Edouard Glissant : Schwarzweißmalerei ist verboten

Kandidat für den Nobelpreis: Edouard Glissant (1928 bis 2011) in einer Aufnahme aus dem Jahr 2007 Bild: dpa

Der Dichter der Frankophonie: Edouard Glissant war ein Autor, der sich multikulturelle Romantik als Allheilmittel gegen den Rassismus verbat. Bis zuletzt politisch aktiv, ist er nun im Alter von 82 Jahren in Paris gestorben.

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          Im Gymnasium auf der Antillen-Insel Martinique war Aimé Césaire sein Lehrer. Und sein ganzes Leben lang blieb der große Poet und Politiker der Négritude das Vorbild des 1928 geborenen Edouard Glissant, der seine Heimat verließ, um in Paris mit einem Stipendium aus der Heimat Philosophie, Geschichte und Ethnologie zu studieren. Glissant publizierte zunächst Gedichte, die schnell in die besten Lyrikanthologien aufgenommen wurden. Auch seine Romane sind sehr poetisch. Schon für den ersten - „La Lézarde“ - bekam er 1958 den renommierten Prix Renaudot. Unter dem Titel „Die Sturzflut“ erschien das Werk auch in deutscher Übersetzung. Der dreißigjährige Schriftsteller erzählt darin die Geschichte einer Gruppe von jungen Revolutionären, die für die Unabhängigkeit ihres Landes kämpft und einen politischen Mord plant.

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

          Vom Text zur Tat: Im Jahr nach dem einträglichen Literaturpreis gründete der Sohn eines Plantagenarbeiters, dessen Vorfahren Sklaven waren, in Martinique die Befreiungsfront „Antillo-Guyanais“. Das Engagement der Intellektuellen in Paris war mit großen Risiken verbunden. Frankreich führte Krieg in Algerien, es herrschte Zensur. Edouard Glissant wurde gleich mehrmals verhaftet und durfte nicht in seine Heimat zurückreisen. Er war oft in Afrika und in der Karibik. In den achtziger Jahren leitete er die angesehene Zeitschrift „Le Courrier de l'Unesco“. Seit dem Jahr 1993 war Edouard Glissant Ehrenpräsident des Internationalen Schriftstellerparlaments.

          Er kannte die Gefahren der Opferrolle

          Bis zuletzt ist er politisch aktiv geblieben. Glissant unterstützte Antonio Tabucchi gegen den italienischen Premier Berlusconi und bekämpfte die Ausländerpolitik des französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy. Jacques Chirac hatte ihn mit einer Mission zur Aufarbeitung des Sklavenhandels als „schwarzer Schoa“ beauftragt. Edouard Glissant vermied jegliche Schwarzweißmalerei. Er forderte die Wahrheit, und er kannte genauso die Gefahren der Opferrolle - vor allem in der Konkurrenz zu anderen Opfern der Geschichte. Er war kein Dogmatiker, auch nicht in seinen antikolonialistischen Pamphleten. Bei Edouard Glissant gibt es keinen Anhauch von multikultureller Romantik als Allheilmittel gegen den Rassismus.

          Das Echo der Inseln in Literatur gebannt: Edouard Glissant im Jahr 1958

          „Ich muss dich nicht verstehen, um mit dir leben zu können“, sagte er einmal und forderte ein „Menschenrecht auf Undurchsichtigkeit“: Der Verlag Das Wunderhorn hat sein „Traktat über die Welt“ und den Essay über die Vielfalt „Kultur und Identität“ herausgebracht. Zuletzt erschien „Das magnetische Land“, eine „Irrfahrt zu den Osterinseln“. Unternommen wurde sie von Glissants Ehefrau, die Handyfilme und andere Dokumente nach Hause mitbrachte. Der Schriftsteller hat die Echos von der Insel noch einmal zu einem poetischen und politischen Werk verarbeitet. Immer wieder wurde er für den Nobelpreis genannt. Der große Dichter der Frankophonie und der Freiheit hätte ihn genauso verdient wie andere - und als Preisträger eine größere Ausstrahlung erzielt als Jean-Marie Gustave Le Clézio. Vor zwei Jahren hielt Edouard Glissant die Trauerrede für Aimé Césaire.

          Am gestrigen Mittwoch ist Edouard Glissant in Paris im Alter von zweiundachtzig Jahren gestorben.

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