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Zum Tod John Updikes : Das Gleichnis vom Talent

John Updike: 1932 - 2009 Bild: REUTERS

Der amerikanische Schriftsteller John Updike ist tot. Der Pulitzer-Preisträger wurde 76 Jahre alt. Er galt immer wieder als aussichtsreicher Anwärter für den Literaturnobelpreis. Der unendlich phantasievolle Erneuerer des realistischen Romans hätte den Preis verdient gehabt.

          Karl Barth hat noch in der Nacht seines Todes geschrieben. In dem Manuskript des Vortrags, an dem der Theologe zuletzt arbeitete, steht in zittriger, aber gleichmäßiger Handschrift, wie John Updike in der Einleitung zu einer Sammlung von Barths Schriften über Mozart berichtet, der Satz, dass Gott nicht ein Gott der Toten, sondern der Lebenden sei. Mozart „verkörpert“ in Barths Verständnis, wie Updike es beinahe blasphemisch deutet, den „vitalen“, lebendigen Gott. Seine Musik gebe, wie Barths Theologie der Krise, uns „die Erlaubnis zu leben“. Als das Wesen von Mozarts Kunst habe Barth das Spiel bestimmt, eine Leichtigkeit, die nach immer größerer Verfeinerung strebe, aber den Hörer nie mit der Erinnerung an die Anstrengung der schöpferischen Arbeit belaste.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          John Updike, der am Dienstag im Alter von sechsundsiebzig Jahren verstorben ist, hatte etwas Mozarteisches. Die Geläufigkeit, mit der er produzierte, war legendär; das Volumen seiner Produktivität und sein eisernes Beharren auf dem Ideal der Leichtigkeit haben dazu geführt, dass die Kritik ihn immer wieder unterschätzt hat. Seine spielerische Ader ließ ihn die Serie und die Variation kultivieren. In seinem letzten, im Oktober wie alle Vorgänger bei Knopf erschienenen Roman „The Widows of Eastwick“ kam er auf seine im Film von Cher, Susan Sarandon und Michelle Pfeiffer verkörperten „Witches of Eastwick“ von 1984 zurück. „The Scarlet Letter“, Nathaniel Hawthornes klassische Geschichte von Puritanismus und Ehebruch, hat Updike gleich in drei Romanen variiert. Das Genre des fiktiven Schriftsteller-Selbstporträts erweiterte er um die parodistische Umkehrung. Henry Bech ist erkennbar nicht Updike: Er ist jüdischer Herkunft und leidet unter Schreibblockaden. Auch bei diesem concetto demonstrierte Updike drei Mal, was er daraus machen konnte.

          Er war eine Doppelbegabung

          Romane, gleichsam die Symphonien des Schreibhandwerks, hat Updike mehr als zwei Dutzend verfasst. Sein Köchelverzeichnis, für das ihm das Doppelte von Mozarts Lebenszeit vergönnt war, enthält unzählige Werke für kleinere Besetzungen, Serenaden und Divertimenti, von den Kurzgeschichten über die Gedichte bis zu den Buchbesprechungen, die er in mehreren Wälzern von fast schon biblischem Format sammelte. Die meisten dieser Rezensionen waren zuerst im „New Yorker“ erschienen, dem er über mehr als ein halbes Jahrhundert Texte aller Art lieferte. Zwei Jahre lang hatte er Mitte der fünfziger Jahre der Redaktion angehört, bevor er sich als freier Schriftsteller mit seiner Familie nach Massachusetts zurückzog.

          Sein Roman „Die Hexen von Eastwick” wurde erfolgreich verfilmt, Bild aus dem Jahr 1985

          Updike war eine Doppelbegabung, hatte nach dem Literaturstudium in Harvard die Ruskin-Zeichenschule in Oxford besucht. Dass ihm das Schreiben ganz offenbar leicht von der Hand ging, findet emblematische Beglaubigung, wenn man sich ihn mit dem Zeichenstift in der Hand vorstellt. Als Kind träumte er von einer Karriere als Zeichner in den Disney-Studios. Disneys Werke sind ja sozusagen die Mozart-Symphonien der Filmkunst, verdecken in heiterem Triumph die Mühen ihrer Fertigung: Von Anfang an muss John Updike dieses Wunder der Übergangslosigkeit fasziniert haben.

          „Versuche dein Glück, damit du dein Talent nicht in der Erde vermodern lässt“

          Am 18. März 1932 geboren, wuchs der Lehrersohn auf der großelterlichen Farm im tiefsten Pennsylvania auf. Dorthin kam Woche für Woche das elegante bunte Magazin aus der großen Stadt der schlanken Häuser. Die Witzzeichnungen und die Kurzgeschichten im „New Yorker“ mochten als zwei Formen derselben Kunst erscheinen; als dritte kam der „light verse“ hinzu, der in der englischen Literatur einen eigenen Rang hat. Updikes Gedichtbände setzen diese Tradition fort.

          Aber man kann im Leben nicht alles machen. Mozart, so Barth nach Updike, gibt das Beispiel für die Kanalisierung der göttlichen Energie durch das spezialisierte Talent. Updike hat erzählt, dass er in der Sonntagsschule dem Gleichnis von den Talenten eine klare Lektion entnahm: „Lebe dein Leben. Lebe es, als läge ein Segen auf ihm. Versuche Dein Glück, damit du dein Talent nicht in der Erde vermodern lässt.“ In dieser Reminiszenz besitzt schon der „mittelmäßige“ Sonntagsschüler das einzigartige Talent der sinnlichen Vergegenwärtigung moralischer Lagen. „Ich konnte mir so klar das Loch ausmalen, das der ängstliche Knecht in die schmutzige Erde grub, und mir sogar vorstellen, wie angenehm kühl und feucht es sich für seine Hand anfühlte, als er sein Talent dort versteckte.“

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