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Zum Tod Johannes Mario Simmels : Der Vorarbeiter in der Bewußtseinsindustrie

Er war ein großer Liebender und sentimentaler Hypochonder. Mit seiner ganz eigenen Mischung aus Fakten und Fiktion, Kolportage und Kitsch wollte er vor allem immer eines sein: Aufklärer. Zum Tod des Bestseller-Autors Johannes Mario Simmel.

          3 Min.

          Es war zuletzt still um diesen unermüdlichen Vorarbeiter in der Bewusstseinsindustrie. Sein letzter Roman mit dem beziehungsreichen Titel „Liebe ist die letzte Brücke“ erschien 1999. Seinem Debüt von 1946, dem Novellenband „Begegnung im Nebel“, hat Johannes Mario Simmel dreißig Romane, drei Kinderbücher, zwei Bände Erzählungen, ein Schauspiel, drei Dutzend Filmdrehbücher und Hunderte von Zeitungsartikel folgen lassen. Sein Verlag Droemer Knaur beziffert die Gesamtauflage auf fünfundsiebzig Millionen Exemplare. Der österreichische Bestseller-Autor ist am Neujahrstag im Alter von 84 Jahren in der Nähe von Zug in der Schweiz gestorben.

          Hannes Hintermeier

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

          Man muss sich deutlich machen, dass Simmel in seinen Glanzzeiten, zwischen den späten sechziger und den frühen achtziger Jahren, von jedem seiner dicken Romane im Hardcover mindestens vierhunderttausend, oft aber auch siebenhunderttausend Exemplare verkaufte. Das schaffen in dieser Regelmäßigkeit höchstens Joanne K. Rowling oder Paulo Coelho, eine Phantasie für Kinder jeden Alters hier, ein samtenes Trostbüchlein dort - und also genau das nicht, was Simmel mit seiner Mischung aus Fakten und Fiktion, Kolportage und Kitsch immer wollte.

          Seine Größe und seine Beschränkung

          Denn Simmel hatte die Romanform nur deshalb gewählt, weil er in diesem - tatsächlich meist nur notdürftig ausgeführten - Tarnanstrich Aufklärer sein wollte. Einer, dessen Bücher wachrütteln und belehren sollten. Simmel ist in seinem am Journalismus geschulten Realitätssinn ein Zeitschriftsteller geblieben, der seiner Gegenwart Themen und (Medien-)Material entriss und sie zu einem Roman zusammenfuhrwerkte. Darin liegt seine Größe und seine Beschränkung.

          Starb im Alter von 84 Jahren: Johannes Mario Simmel

          Im Wien des Jahres 1924 geboren, aufgewachsen dort und in London, arbeitete der zum Chemieingenieur ausgebildete Sohn eines Chemikers und einer Filmlektorin ab 1943 in einem kriegswichtigen Betrieb. Nach Kriegsende diente er der amerikanischen Militärregierung als Dolmetscher und begann nebenher seinen ersten Roman zu schreiben, „Mich wundert, dass ich so fröhlich bin“ (1949). Der hochtalentierte und arbeitswütige junge Mann machte eine kometenhafte Karriere bei Tageszeitungen und als Reporter bei der Illustrierten „Quick“, daneben entdeckte ihn die Filmbranche als ungeheuer produktiven Drehbuchautor.

          Als die Agentenwelt noch in Ordnung war

          Der internationale Durchbruch gelang Simmel 1960 mit seinem vermutlich besten Buch, „Es muss nicht immer Kaviar sein“. Damals war die Agentenwelt noch in Ordnung, aber in den Folgejahren begann die Spürnase Simmel mit seinen Romanen - deren Titel oft sprichwörtlich wurden - Themen aufzugreifen, die in der Luft lagen. So etwa die Schmerzen der deutschen Teilung („Lieb Vaterland, magst ruhig sein“, 1965), den Handel mit biologischen Waffen („Und Jimmy ging zum Regenbogen“, 1970), die Gefahren der Genmanipulation („Doch mit den Clowns kamen die Tränen“, 1987). Je länger und wütender Simmel gegen die Pestilenz seiner Zeit anschrieb, desto düsterer wurde seine Weltsicht.

          Als 1990 sein Ökothriller „Im Frühling singt zum letzten Mal die Lerche“, eine Bestandsaufnahme der globalen Umweltzerstörung, erschien, hatte Simmel einen Stapel von Ulrich Horstmanns Essay „Das Untier“ im Gepäck, den er großzügig verteilte. Horstmanns Votum gegen die Selbsttäuschung der aufklärerischen Vernunft im Schatten der drohenden Auslöschung der Menschheit hat Simmel schwer erschüttert. Als Liebhaber des Dionysischen hatte er zunehmend Mühe, den notwendigen Stoizismus aufzubringen.

          Er ist ein ums andere Buch seiner Zeit vorausgewesen

          Und doch blieb sich Simmel als großer Liebender und sentimentaler Hypochonder in einem Punkt treu: Stets ist er auf der Seite der Guten zu finden. Mit dem vielen Geld, das er verdient hat, ging er großzügig um; sein karitatives Engagement ist legendär, aber auch seine politische Streitlust. Gegen den Rechtspopulisten Haider, dem er „skrupellose und mörderische Hetze“ vorwarf, obsiegte er vor Gericht. Aufgerüttelt von den Bildern der Wehrmachtsausstellung, verstärkte er seine Anstrengungen im Kampf gegen Neofaschismus und Ausländerfeindlichkeit.

          Die Literaturkritik war aus verständlichen Gründen lange Zeit dem Werk gegenüber skeptisch; das änderte nichts daran, dass das unbelehrbare Publikum treu an diesem Markenartikel festhielt. Als ihn dann das Feuilleton doch noch als den entdeckte, der er immer war, hat ihn das gefreut, aber verändert hat es ihn nicht. Als Chronist einer stürmischen Epoche ist er ein ums andere Buch seiner Zeit ein Stück vorausgewesen, hat sich umgedreht und ihr den Spiegel hingehalten. Ein Moralist von Graden, der das Pech hatte, in einer Zeit zu leben, die glaubt, sich Moral nicht mehr leisten zu können.

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