https://www.faz.net/-gr0-75szv

Zum Tod Jakob Arjounis : Eine Frage der Moral

Jakob Arjouni (1964 - 2013) Bild: dpa

Im Alter von 48 Jahren ist der Schriftsteller Jakob Arjouni gestorben. In seinen an Chandler und Hammett geschulten Krimis geht es nicht zuletzt um Fragen des moralischen Handelns.

          1 Min.

          Das einzige Verbrechen, das ein Schriftsteller begehen kann, hat Jakob Arjouni gesagt, sei, über etwas zu schreiben, das ihn nicht interessiert. Das Kalkül teile sich mit: „Da schlägt kein Herz.“

          Sandra Kegel

          Verantwortliche Redakteurin für das Feuilleton.

          In den Büchern des Jakob Arjouni tut es das immer. Der 1964 in Frankfurt geborene Schriftsteller, Sohn des Dramatikers Hans Günter Michelsen, war gerade dreiundzwanzig, als er den türkischen Privatdetektiv Kayankaya ins Frankfurter Bahnhofsviertel entsandte. Dank einer robusten, urbanen Ironie sowie der Erfahrung mit deutschen Hinterwäldlern ist dieser Türke, der kein Wort Türkisch spricht, über wohlfeile Integrationsbemühungen längst hinaus. Und in Wahrheit natürlich so deutsch, wie ein hessischer Philip Marlowe nur sein kann: abgerissen, verkatert, zynisch und doch überraschend galant, einer, der statt Kebab lieber Handkäs bestellt.

          Fast dreißig Jahre nach Jakob Arjounis Debüt „Happy Birthday, Türke!“, das Doris Dörrie 1991 verfilmte, und mehr als zehn Jahre nach dem vierten Kayankaya-Krimi erschien erst im vergangenen August 2012 „Bruder Kemal“. Im Leben des Privatdetektivs hat sich in der langen Zeit viel verändert, er trinkt nicht mehr so viel, raucht nicht mehr, fährt Fahrrad und hat eine Freundin, die ein Kind von ihm will. Und auch Arjouni hat in den Jahren seit dem Debüt ein Werk geschaffen, das über das Krimigenre hinausreicht. Der einstige Odenwald-Schüler, der nach dem Abitur zwei Jahre in Montpellier lebte und nach kurzen Zwischenstopps an einer Berliner Schauspielschule und der Freien Universität das Schreiben entdeckte, hat sich auch als Romancier, Hörspielautor und Dramatiker einen Namen gemacht. Dem Stück „Nazim schiebt ab“, 1990 in Mainz uraufgeführt, über einen jungen Palästinenser in Abschiebehaft folgten „Die Garagen“ und „Edelmanns Tochter“.

          In seinen an Chandler und Hammett geschulten Krimis geht es immer um Fragen des moralischen Handelns. In seinem meisterlichen Roman „Magic Hoffmann“ von 1996 hat Arjouni nicht nur ein desillusioniertes Berlin-Porträt erschaffen, sondern darin auch einen unvergesslichen Helden, der durch einen Gefängnisaufenthalt die Wiedervereinigung verpasst hat und einen irrealen Sprung in eine Zeit erfährt, in der sich alles um ihn herum verändert hat. In der Nacht zum Donnerstag ist Jakob Arjouni nach langer Krankheit gestorben. Er wurde achtundvierzig Jahre alt.

          Weitere Themen

          Notre-Dame – ein Meisterwerk der Gotik Video-Seite öffnen

          Videografik : Notre-Dame – ein Meisterwerk der Gotik

          Die Pariser Kathedrale Notre-Dame gilt als ein Meisterwerk der Gotik. Nach dem Brand vom 15. April 2019 soll das Bauwerk bis April 2024 historisch genau rekonstruiert werden.

          Topmeldungen

          Coinbase-Gründer Brian Armstrong in San Francisco im Jahr 2016

          Brian Armstrong : Der Mann hinter dem digitalen Goldrausch

          Keine 30 Jahre war Brian Armstrong alt, als er mit Coinbase ein Unternehmen gründete, das heute wertvoller als die New Yorker Börse ist. Er ähnelt den findigen Geschäftsleuten, die während des Goldrauschs im Wilden Westen Schaufeln und Spitzhacken verkauften.
          Quantencomputer von IBM

          Quantencomputer : Wunderwaffe für die deutsche Industrie?

          Eine Zukunftstechnologie, die von Google, IBM und Co. beherrscht wird, für den deutschen Mittelstand? Die Entwicklung beflügelt die Phantasie und könnte für manche Branchen ziemlich wichtig werden.
          Blick auf die Eliteuniversität Harvard in Cambridge, Massachusetts

          Exzellenzinitiative : Es gibt noch immer kein deutsches Harvard

          Die Exzellenzinitiative wollte deutsche Hochschulen in die Ranglisten internationaler Spitzenunis führen. Dieses Ziel wurde verfehlt – und doch der deutschen Forschung zu einer größeren Sichtbarkeit verholfen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.