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Tod des Autors Gene Wolfe : Rätselhaft freundlich

Nie ganz von dieser Welt: der fromme Zauberer Gene Wolfe Bild: Archiv

Er war einer der sehr wenigen Science-Fiction-Autoren, auf deren Werk man zeigen kann, wenn darüber geredet wird, ob dieses Genre Kunst sei: Zum Tod des Schriftstellers Gene Wolfe.

          In einem Interview ließ sich der alte Zauberer einmal tief in die Karten schauen, als er verriet: „Wenn man von einem Gebäude stürzt, denkt man nicht, was Spider-Man dabei im Comic denkt: Hoffentlich kriege ich diesen Fahnenmast zu fassen. Man denkt überhaupt nicht in Worten, wenn etwas Schlimmes passiert, und doch ist es die Aufgabe der Literatur, so zu tun, als ließe sich alles in Worten denken. Das Wichtigste bei der Wortwahl passiert unterhalb der Sprachschwelle.“

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Dort, im semantischen Zwielicht, fand Gene Wolfe seine Rätsel, und so wurde er zu einem der sehr wenigen Science-Fiction-Autoren, auf deren Werk man zeigen kann, wo darüber geredet wird, ob dieses Genre Kunst sein kann.

          Dichtung verlangt Geduld und Demut, Wolfe kannte beides; er war frommer katholischer Christ, obendrein ein witziger Kopf und hinreichend praktisch begabt, die Maschine zu erfinden, mit der die Firma Pringles ihre Norm-Chips herstellt.

          Das Menschenleben samt Sündenfall und Gnadenhoffnung wollte er lieben dürfen, „if this shadow world really has (oh, sacred!) life“, zu Deutsch etwa: falls diese Schattenwelt wirklich Leben hat, das Heiligtum, womit angedeutet war, dass auf Erden nur eine Ahnung des vollen Lebens erlangbar ist, nämlich in der Kunst und im Glauben, wie die zitierte Erzählung „All the Hues of Hell“ andeutet, die einen dieser poetisch-hintergründigen Gene-Wolfe-Titel trägt, die sich so schwer ohne Melodieverlust übersetzen lassen („Alle Farben der Hölle“ klingt zu nüchtern für die Idee, das Inferno könnte subtile Abstufungen kennen, moralische wie ästhetische). Literatur war für Wolfe „die Sorte Text, die ein verständiger Mensch immer wieder und mit wachsendem Genuss lesen kann“ – ein Anspruch, dem sein Hauptwerk, das vierbändige, zwischen 1980 und 1983 publizierte „Book of the New Sun“, zur Gänze genügt: Das Opus ist ein in Myriaden Details feinst ausgesponnener Wandteppich aus literarischen Anspielungen, psychologischen Beobachtungen, historischen und theologischen Spekulationen, eine textgewordene Soteriologie der Phantastik: Der Weg zum Heil für den komplexen Helden Severian, einen Inquisitor, der sich und seine Mission überwinden muss, um zu Christus zu finden, führt durch das Vermögen des Menschen, Rätsel zu formulieren und zu lösen, denn gerade darin sind wir unserem Schöpfer nah, der das noch viel besser kann.

          Oft hat man Wolfe mit Nabokov verglichen; wer die beglückend raffinierten Spiele mit verschiedenen Erzählgesichtskreisen kennt, die er in „The Fifth Head of Cerberus“ ( 1972) spielt, mag an Nabokovs „Pale Fire“ (1962) denken; der Vergleich verfehlt keines der beiden in Zungen singenden Mysterien. Manches, was Gene Wolfe im Laufe seines Dichterlebens so an indirekten politisch-katholisch-soziologischen Stellungnahmen zwischen die Zeilen murmelte, stellte ihn etwa zwei (allerdings sehr graziöse) Trippelschritte rechts von Martin Mosebach ins grimmig Konservative: Dass die Welt spirituelle und ethische Autoritäten nötig habe, Oben und Unten, Taten und Leiden, Macht und Gewissen, die ewigen Polaritäten der Heilsgeschichte eben, war Wolfe vom modernen Liberalismus nicht auszureden, aber wo immer er für das Alte und in seinem Sinne Bewährte Partei ergriff, tat er das nicht im Gestus des Strafpredigers, sondern in dem eines freundlich Mahnenden, der die Vergeblichkeit seiner Liebesmüh im besinnungslosen Lärm allgemeinen Götzenanbeterei als kleines Kreuz auf sich genommen hat, das er sich verdienen will. Wolfe wollte die Verblendeten, die ihn umtanzten, bei ihrem autodestruktivenTreiben gar nicht weiter stören; sie lesen ja eh keine komplizierten Bücher, was willst du machen? Am vergangen Sonntag ist Gene Wolfe im Alter von 87 Jahren in Peoria gestorben.

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