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Zum Tod von Lars Gustafsson : Er hatte keine Angst mehr vor dem Schreiben

Er war gleichermaßen literarisch und philosophisch wie naturwissenschaftlich gebildet: Lars Gustafson (17. Mai 1936 bis 3. April 2016) Bild: dpa

In Deutschland war er so beliebt wie in seiner schwedischen Heimat. Mit Lars Gustafsson ist ein großer Schriftsteller gestorben, der als Lyriker, Romancier und Essayist gleichermaßen virtuos war.

          Ende Dezember erst schickte Lars Gustafsson uns einen Artikel, in dem er, der mittlerweile Neunundsiebzigjährige, sich daran erinnerte, wie er sich als Kind vor dem Schreiben gefürchtet hatte – und wie er diese Angst überwand. Das ist ihm so gut gelungen, dass er zu einem der erfolgreichsten schwedischen Schriftsteller wurde, weit über die Grenzen seines Sprachraums hinaus bekannt und besonders populär in Deutschland, wo er mit dem Hanser-Verleger Michael Krüger einen Freund und engagierten literarischen Sachwalter fand. Sein jüngster – und, wie wir jetzt wissen, letzter – Roman, „Doktor Wassers Rezept“, erschien vor gerade einmal sechs Wochen in deutscher Übersetzung.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Gustavssons Beziehung zu Deutschland war aber auch sonst intensiv. 1972 hielt er sich als schon gereifter Schriftsteller (sein Debüt, der Roman „Vägvila“, war in Schweden 1957 erschienen) für zwei Jahre in West-Berlin auf. Die deutsche Sprache beherrschte er entsprechend gut, und wenn man von ihm Post bekam, staunte man über die altertümlich anmutende Höflichkeit, durch die aber immer wieder ein wunderbarer Schalk blitzte. So ähnlich könnte man auch seinen literarischen Stil charakterisieren: im besten Sinne traditionell, aber mit Überraschungen.

          Erfolgreich wurde Gustafsson zunächst als Lyriker, obwohl sein Debüt ein Roman war, aber auch darin spielten lyrische Elemente bereits eine wichtige Rolle. Dieser Passion ist er bis zum Schluss treu geblieben, obwohl sich seine Prosa- und Essaybände weitaus besser verkauften. In seiner Erinnerung ans kindliche Schreibenlernen steckte die Begründung dafür: Es war die visualisierbare Struktur des lyrischen Verfahrens, die ihm Sicherheit bot, so wie er, der Synästhetiker, der mit den Buchstaben und Sprachklängen Farben verband, sich als Kind über diese Fähigkeit an die unheimliche Schrift heranwagte.

          Im vergangenen Jahr erst erhielt er den Thomas-Mann-Preis, gleichsam als stellvertretenden Dank der treuen hiesigen Leserschaft, denen Lars Gustafsson so viele Bücher geschenkt hat. So ist zum Schluss seines Lebens die spezielle Bindung zwischen ihm und dem deutschen Publikum noch einmal intensiv bekräftigt worden. Niemand, der Gustafsson zuletzt begegnete, wie direkt auch immer, ob also unmittelbar bei der Preisverleihung oder ob lediglich als Autor von „Doktor Wassers Rezept“, hätte vermuten mögen, dass dieser witzige, vitale und vor allem zutiefst menschliche Schriftsteller bald sterben würde. An diesem Sonntag ist es passiert, und das ist die letzte, diesmal höchst traurige Überraschung, die Lars Gustafsson uns beschert hat.

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