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Zum Tod von Tom Wolfe : Vernunft ist ästhetisch zu anspruchslos

Die meisten anderen waren in seinen Augen Pfeifen: Tom Wolfe im Jahr 2005 Bild: AP

Der Rudelführer, dem die anderen in den Arsch beißen wollen: So sah sich Tom Wolfe. Mit neuen Wörtern und krachenden Sounds wurde er zum literarischen Popstar – und blieb es bis zum Ende.

          Unter den amerikanischen Journalisten wollte Tom Wolfe der beste Schriftsteller sein und unter den Schriftstellern der beste Journalist – und bevor man sich abschließend dazu äußert, ob ihm das gelungen sei, möchte man sich nicht nur noch einmal durchs gesamte Werk des Tom Wolfe arbeiten, sondern auch durch die Texte von Joan Didion, Hunter S. Thompson, Norman Mailer und Truman Capote, um nur ein paar der anderen Anwärter zu nennen.

          Claudius Seidl

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Als Norman Mailer, Wolfes bester Feind, noch lebte, wurde der Wettkampf ganz direkt ausgetragen: „Es wirkt ein bisschen dumm, wenn ein Mann immer weiße Anzüge trägt, vor allem in New York“, so fing Mailer den Streit an, der Literaturgeschichte geworden ist. Wolfe konterte: „Der Rudelführer ist immer der, den die anderen in den Arsch beißen wollen.“ Worauf Mailer, dessen Markenzeichen sein Machismo war, richtig böse wurde: „Wenngleich es stimmt, dass die anderen Hunde den Anführer immer in den Hintern beißen wollen, heißt das noch lange nicht, dass einer der Anführer ist, bloß weil er einen blutigen Hintern hat.“

          Gewinner war der weiße Anzug

          Gewinner in diesem Streit, so muss man wohl im Rückblick sagen, war der weiße Anzug: Andere Schriftsteller waren vielleicht berühmt bei ihren Lesern und in einer literarisch interessierten Öffentlichkeit. Tom Wolfes Anzug war aber das beste aller literarischen Markenzeichen: Den Mann, der darin steckte, kannten spätestens in den Achtzigern auch solche Menschen, die noch nie eine Filiale von Barnes&Noble betreten hatten.

          Man würde ihn einen Popstar des Schreibens nennen – wenn er nicht zu allem, was Pop, populäre Kultur, Geschmack und Leidenschaft der Masse war, so ein ambivalentes, ja fast manisch-depressives Verhältnis gehabt hätte. Denn einerseits war diese Kultur von Anfang an, seit seiner atemberaubenden Reportage „The Electric Kool-Aid Acid Test“ (man muss, weil es um den Sound geht, den englischen Titel zitieren), nicht bloß Gegenstand seiner Berichterstattung. Das, was dann „New Journalism“ hieß und worauf Wolfe (nicht als Einziger allerdings) das Copyright beanspruchte, war ja der Versuch, das Neue, das es zu beschreiben galt, nicht mit kühlen Begriffen zu bändigen und mit allseits bewährter Syntax zur Ordnung zu rufen.

          Tom Wolfe in seinem Appartement an der Upper East Side in New York

          Sondern diesem Neuen beim Schreiben mit neuen Wörtern, synkopisierten Sätzen, mit krachenden Sounds und schnellen Rhythmen eine sinnliche, fast schon musikalische Dimension zu erschließen. Wenn das nicht Pop war, dann war es mindestens Popliteratur – und natürlich vergaß Wolfe nicht, seinen Lesern zu erzählen, dass er zwar mit dem Autor Ken Kesey und dessen Anhängern, den „Merry Pranksters“, durch Amerika gefahren sei, wobei der Trip, drogenbedingt, vor allem nach innen und nicht immer zurück ging; dass er aber allen Versuchen, auch aus ihm einen LSD-gläubigen Hippie zu machen, widerstanden habe. Das weiße Jackett behielt er an, der oberste Hemdknopf blieb verschlossen: Auch dem Ich, als Gegenstand der Berichterstattung, erschloss Wolfes Prosa neue Dimensionen.

          Wobei man seinen Habitus in jener Zeit, den späten Sechzigern und frühen Siebzigern, vielleicht am besten so deuten kann: Wenn einer sagen will, dass der Kaiser nackt sei, sollte er selbst sehr gut angezogen sein. Und das, eine Nacktheit, eine Leere, ein deprimierendes Nichts, das war es, was Wolfe vorfand, wenn er unter die Oberflächen zu schauen versuchte. Oberflächen waren seine Stärke, seine Beschreibung einer Party im New Yorker Penthouse von Leonard Bernstein, die legendäre Story „Radical Chic: That Party at Lenny’s“, das war allerbeste amerikanische Literatur, die ja ihre Anschaulichkeit vor allem der Erfahrung verdankt, dass auch die Filmkameras nur Oberflächen sehen können. Und die Bilder einen trotzdem sehr tief treffen und berühren können.

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