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Zum Tod von Peter Härtling : Der Dirigent des Wort-Orchesters

Eine erste Überwältigung durch Lektüre

Auch als Cheflektor bei S. Fischer, der dort unter anderem Arno Schmidts schwer zugängliches, aber teures Buch „Zettel’s Traum“ auf den Weg brachte und dies wegen des Risikos mit schlaflosen Nächten bezahlte, warb Härtling für die Literatur, die er verbreitet wissen wollte, bevor er sich 1973 als freier Schriftsteller selbständig machte. Er moderierte jahrzehntelang ein Literaturquiz im Hessischen Rundfunk und besprach in der „Frankfurter Anthologie“ dieser Zeitung mit großem Enthusiasmus am liebsten halb oder fast ganz vergessene Autoren wie Max Herrmann-Neiße, Richard Beer-Hofmann, Theodor Kramer, Ferdinand Hardekopf, Christian Daniel Schubart und Justinus Kerner, aber auch Goethe, Hölderlin, Heine und Fontane. „Seit ich dieses Gedicht kenne, hastet es durch mein Gedächtnis, höre ich seinen heftigen, am Ende seufzenden Atem“, heißt es da über ein Gedicht der frühverstorbenen Hertha Kräftner, und in diesen Worten ist eben auch die Erkenntnis enthalten, dass man sich nicht von der Literatur retten lassen und anschließend die Kunst Kunst sein lassen kann.

Das ist auch denjenigen seiner Bücher eingeschrieben, die seinen Ruf bis heute am meisten geprägt haben, den Werken für junge Leser. Als sich in den späten sechziger und frühen siebziger Jahren in der deutschsprachigen Kinderliteratur eine Wende hin zu einem bis dahin für unzumutbar gehaltenen Realismus anbahnte, maßgeblich befördert durch den Verlagsleiter Hans-Joachim Gelberg, wurde Härtling mit Büchern wie „Das war der Hirbel“, „Oma“ oder „Ben liebt Anna“ bald zum wichtigsten Vertreter dieser Richtung. Zahllose Kinder der Bundesrepublik und später auch des wiedervereinigten Deutschlands verdanken Härtling ihre erste Überwältigung durch Lektüre, auch in den Lesungen, die Härtling unermüdlich durchführte, völlig unbesorgt darum, ob nicht sein Ruf als seriöser Autor für ein erwachsenes Publikum durch das Schreiben für Kinder leiden könnte.

Er wusste, wovon er schrieb

Natürlich schreibe man nicht schlichter, wenn die avisierten Leser jünger seien, sagte Härtling dann, man schreibe auch nicht über andere, gar weniger relevante Themen. Als Dirigent der Worte habe man als Kinderbuchautor statt des großen Orchesters ein Kammerensemble zur Verfügung. Das mache die Sache allerdings nicht leichter: Denn während in der Philharmonie der Erwachsenenliteratur manches untergehe, höre man im Kammerorchester jeden falschen Ton.

Damit hat Härtling die deutsche Kinderliteratur in einem Ausmaß geprägt, dessen Langzeitwirkung wohl noch gar nicht abzusehen ist. Immer wieder konnte man beobachten, mit welcher Ehrfurcht ihm junge Autoren begegneten, auch wenn sie vollkommen anders schrieben als er, und deren Werke er wiederum mit der größten Neugier und dem größten Interesse zur Kenntnis nahm. Er war freundlich und zugewandt bis hin zur Güte, er vertrat seine Ansichten entschieden und war zugleich immer bereit, über die gegenteiligen mit großer Offenheit zu diskutieren. Fantasy-Literatur etwa war ihm zuwider, und wenn man ihm gegenüber dennoch auf die Qualitäten bestimmter Bücher dieser Richtung beharrte, war man schon mittendrin in einem intensiven, respektvollen Austausch, der durchaus länger anhalten konnte.

Und so weit Härtling die Augen öffnete für die Welt und ihren Schrecken, für gefährdete und beschädigte Kindheiten, so weit offen standen sie eben auch für das Glück, das sie bereithält. In seinem letzten Roman, dessen Erscheinen er noch erlebte, in „Djadi, Flüchtlingsjunge“, schildert er die Schwierigkeiten eines unbegleiteten Flüchtlings, aber auch die Mühen und Erfolge seiner Integration durch einen Freundeskreis bejahrter Deutscher – er wusste, wovon er schrieb.

Peter Härtling, der für sein Werk zahlreiche Auszeichnungen erhalten hat, ist in der Nacht zum Montag gestorben. Friedlich, wie es aus dem Kreis der Familie heißt.

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