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Zum Tod von Per Olov Enquist : Dinge, von denen man nur in einem Roman berichten kann

  • -Aktualisiert am

Der Schriftsteller Per Olov Enquist beantwortet bei der Verleihung des Budapest Grand Prize auf der Buchmesse Fragen Bild: dpa

Trinkende Dichter und dichtende Trinker: Er schrieb über sich und die schwierigen Figuren der Vergangenheit. Jetzt ist der wunderbare schwedische Literat Per Olov Enquist gestorben.

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          „Absolut nichts“, schrieb Per Olov Enquist in seiner Autobiographie „Ein anderes Leben“ – einem außerordentlich einnehmenden, in der dritten Person geschilderten Künstler- und Alkoholiker-Roman, dessen Rahmenhandlung von der Flucht aus einer isländischen Entzugsklinik 1989, der Einlieferung in eine dänische Klinik sowie der wundersamen Rettung durch ein neues Buchprojekt („Kapitän Nemos Bibliothek“) erzählt –, habe während seiner nordschwedischen Kindheit darauf hingedeutet, „dass gerade er von der Schreibsucht befallen werden sollte. Kleinbauern und Holzfäller. Strebsame und rechtschaffene Menschen. Von Dichten keine Spur.“

          Oder doch? Das Zweifeln gehört in den Texten von Per Olov Enquist immer dazu. Und in seiner Kindheit gab es auch die Urgroßmutter, die durch den Tod von mehreren Kindern den Verstand verloren hatte und in der Kammer, in der man sie jahrelang einschloss, mit Zimmermannsbleistift und Nägeln „etwas wie Gedichte“ auf Zettel, Bretter und Wände kritzelte. Oder die Großmutter Lova, die schreiben konnte, Nachrufe verfasste, „und es wurde gedruckt“.

          Es gab da auch den frühverstorbenen Holzfäller-Vater, von dem seine Mutter dem Knaben immer erzählen musste; er soll Gedichte geschrieben haben, die sie, eine frömmlerische Volksschullehrerin, verschwinden ließ. Und es gab die Abgeschiedenheit der Gemeinde Skellefteå, in der Per Olov Enquist nach seiner Geburt 1934 aufwuchs. Dort verbrachte er eine Kindheit, in der er gern auf dem Küchenfußboden lag und Hunderte von Landkarten auf Butterbrotpapier zeichnete.

          „Sünde ist, zu lügen oder hinzuzudichten“

          Sie waren teils nahe an der Wirklichkeit dran, teils aber auch verändert, obwohl es, wie der Knabe wusste, „Sünde ist, zu lügen oder hinzuzudichten“: „Die Karten gleichen scheinbar dem Dorf, sind aber nicht das Dorf. Er hat die Grenzen des Dorfs gesprengt, jetzt ist alles möglich.“ Menschen einzuzeichnen in seine Karten, das traute der Junge sich nicht.

          Jahrzehnte später war Per Olov Enquist, der von 1955 bis 1964 in Uppsala Literatur studierte und als Journalist für die bedeutenden schwedischen Zeitungen „Svenska Dagbladet“ und „Expressen“ zu arbeiten begann, ein gefeierter Autor – sein Name wird vor allem verbunden mit dem 1968 veröffentlichten Dokumentarroman „Die Ausgelieferten“ über deutsche und baltische Soldaten, die 1945 nach Schweden flüchteten und an die Sowjetunion ausgeliefert wurden, sowie die Schwierigkeiten eines selbstkritischen „Untersuchers“ bei der Recherche und Bewertung dieser Ereignisse. 1999 erschien dann der Schmöker „Der Besuch des Leibarztes“, der vom deutschen Mediziner Johann Friedrich Struensee, der den geistig umnachteten dänischen König Christian VII. behandelte und gleichzeitig Liebhaber der Königin Caroline Mathilde war, erzählte. Struensees Machtfülle, seine aufklärerischen Reformen und seine Hinrichtung gaben Enquist die Grundlage für einen saftigen Stoff, mit dem er sich einreihte in eine ganze Folge von Romanen und Verfilmungen.

          Aber Enquist schrieb ja noch viel mehr, darunter Dramen wie „Die Nacht der Tribaden“ (über Strindberg, dessen Gattin Siri von Essen und ihre Freundin Marie David), „Aus dem Leben der Regenwürmer“ (über Hans Christian Andersen) oder „Der Bildermacher“ (über einen Besuch des Filmemachers Viktor Sjöström bei Selma Lagerlöf), Drehbücher wie jenes für Jan Troells Kinofilm „Hamsun“ und Kinderbücher wie „Großvater und die Wölfe“.

          Auf die Frage, weshalb die Literatur besser als jedes andere Medium von dem erzählen könne, was „Wahrheit“ sein mag – natürlich ein schwieriger Begriff: „Ich bin bestimmt nicht so naiv zu denken, dass die von mir entdeckte Wahrheit, die mich glücklich stimmt, auch die letzte Wahrheit ist“ –, antwortete der Schriftsteller einmal im Gespräch mit dieser Zeitung: „Es gibt Dinge, von denen man nur in einem Roman berichten kann, Erfahrungen, an denen jeder journalistische oder dokumentarische Versuch scheitern müsste. Ich habe in „Ein anderes Leben“ zum Beispiel das Gefängnis zu beschreiben versucht, in dem man als Alkoholsüchtiger lebt. Das könnte man als Journalist von außen betrachten, aber wie sieht diese Erfahrung von innen aus?“

          Am Samstag nun ist der wunderbare schwedische Literat Per Olov Enquist, der als junger Mann auch ein vielversprechender Hochspringer war, nach langer Krankheit im Alter von fünfundachtzig Jahren in Vaxholm bei Stockholm gestorben. Nicht nur seine nordische Heimat trauert, sondern das ganze literarische Europa.

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