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Der Schriftsteller Edgar Hilsenrath, aufgenommen am Rande einer Lesung in der Akademie der Künste 2007 Bild: dpa

Zum Tod von Edgar Hilsenrath : Durch einen Kleinverlag zum großen Erfolg

Schonungslos monströs: Edgar Hilsenrath ist nach seiner Flucht vor den Nazis nirgends mehr heimisch geworden außer in der Literatur. Jetzt ist der Schriftsteller gestorben.

          Ein Leben wie das seine hätte nicht einmal er sich ausdenken können, also entnahm Edgar Hilsenrath den eigenen Erlebnissen den Grundstoff für seine ersten Romane. Und die brachten ihm Einschätzungen ein wie noch Ende der achtziger Jahre in Gero von Wilperts „Lexikon der Weltliteratur“, in dem der Schriftsteller so charakterisiert wurde: „Erzähler schonungslos monströser Romane aus jüd. Zeitschicksal“. Damit waren Bücher gemeint wie sein Debüt „Nacht“ von 1964, „Bronskys Geständnis“ von 1980, vor allem aber „Der Nazi & der Friseur“ von 1971, ein Schelmenroman, der sich ganz bewusst durch den Titel in die Tradition von Charlie Chaplins Film „Der Große Diktator“ zu stellen schien, um dann aber durch seinen schwarzen Humor einen ganz anderen erzählerischen Pfad einzuschlagen, den viele als zynisch empfanden. So etwas konnte in Deutschland Anfang der siebziger Jahre noch nicht veröffentlicht werden; der Roman erschien zuerst in englischer Übersetzung in den Vereinigten Staaten, dann auf Französisch, und in beiden Ländern wurde er zum Bestseller. Erst 1977 aber wagte sich ein Kölner Kleinverlag (Helmut Braun) daran.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Hilsenrath focht das nicht an, zumal sich der Mut für alle Beteiligten auszahlte: Das Buch wurde auch hierzulande ein großer Erfolg und ermöglichte dem 1975 nach West-Berlin gezogenen Schriftsteller ein Dasein als freier Autor. Dass er aber überhaupt nach Deutschland zurückgekehrt war, war damals alles andere als selbstverständlich. 1926 als Sohn eines jüdischen Kaufmanns in Leipzig geboren, entkam er mit Mutter und dem jüngeren Bruder als Zwölfjähriger aus Nazi-Deutschland nach Rumänien; alle überlebten die Schoa, auch der Vater, den es nach Frankreich verschlagen hatte. Aber Edgar Hilsenrath war von seinen Angehörigen getrennt worden, wurde erst in letzter Minute aus einem Getto befreit und ging erst einmal als mutmaßliche Kriegswaise nach Palästina, ehe er seine Familie 1947 in Lyon doch noch wiederfand und mit ihr in die Vereinigten Staaten emigrierte. Dort schrieb er seine ersten Bücher, sämtlich auf Deutsch.

          Diese Lebensstationen finden sich in seinen Romanen wieder, alle auf höchst sarkastische, wenig sympathisierende Weise gewürdigt – Hilsenrath ist nirgends mehr heimisch geworden außer in der Literatur. Und auch dort suchte er nach neuen Themen, weil er sich thematisch nicht nur auf seine eigenen Erfahrungen beschränken wollte: auf Schoa und jüdische Emigration. In den achtziger Jahren ergriff er Partei für die Armenier, in deren Schicksal unter türkischer Herrschaft während des Ersten Weltkriegs er den Vorläufer für den nationalsozialistischen Genozid ausmachte. Resultat war sein „Märchen vom letzten Gedanken“, das 1989 erschien und in ein Dutzend Sprachen übersetzt wurde, ebenso viele wie „Nacht“ und „Der Nazi & der Friseur“, zehn Jahre nach der Publikation sogar auf Türkisch, was ihn besonders stolz machte. In Armenien ehrte man ihn 2006 für sein Engagement mit dem Nationalpreis für Literatur und der Ehrendoktorwürde der Universität Eriwan.

          Das waren Auszeichnungen, die ihm darüber hinweghalfen, dass man ihn in Deutschland mittlerweile kaum noch beachtete – bis er 2016 den von der Stadt Heidelberg vergebenen Hilde-Domin-Preis für Literatur im Exil erhielt. Da war Hilsenrath schon neunzig und hatte seit dem Abschluss seiner zehnbändigen „Gesammelten Werke“ 2009 kein Buch mehr veröffentlicht. Am vergangenen Sonntag ist er in seiner letzten Wahlheimat, dem Eifelstädtchen Wittlich, im Alter von zweiundneunzig Jahren gestorben. 

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