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Zum Tod von Ludwig Harig : Spielen und frei sein

  • -Aktualisiert am

Ludwig Harig im Jahr 2007 an seinem Schreibtisch in Sulzbach Bild: Daniel Pilar

Fußball, Leichtsinn und Gemütlichkeit: Ludwig Harig war ein großer Erzähler der Provinz. Aus den Romanen des Saarländers werden Leser auch in der Zukunft noch viel über Deutschland lernen können.

          Einen Luftkutscher nannte ihn als Kind seine Großmutter, und diese Bezeichnung machte sich der 1927 als Sohn eines Malermeisters im Saarland geborene Ludwig Harig gern zu eigen: „Ich vollführe Luftsprünge, treibe Possen, mache den Hanswurst. All das halte ich für das Wichtigste in meinem und für das Notwendigste im Leben anderer Menschen.“ Zum Wichtigen gehörte früh auch der Fußball. Karl Heinz Bohrers Sentenz „Netzer kam aus der Tiefe des Raumes“ wurde durch Harigs Sammelband anlässlich der Fußballweltmeisterschaft 1974 zu einem Stück Volkspoesie. Noch 2006 machte er sich mit ironisch hochtrabenden Fußballsonetten einen Jux.

          Die eigenen jugendlichen Verirrungen

          Aus seiner erfolgreichen Romantrilogie „Ordnung ist das ganze Leben“ (1986), „Weh dem, der aus der Reihe tanzt“ (1990) und „Wer mit den Wölfen heult, wird Wolf“ (1996) erfuhr eine große Leserschaft, dass solche Bekenntnisse zum Frohsinn gegen das Entsetzen über die Schrecken des 20. Jahrhunderts, in der Auseinandersetzung mit dem Mitläufertum des Vaters und eigenen jugendlichen Verirrungen errungen werden mussten. Die Art dieser Auseinandersetzung hat Marcel Reich-Ranicki imponiert.

          Harigs Devise „Spielen und frei sein“, die ihn 1970 seine Stellung als Grundschullehrer aufgeben ließ, prägte sich literaturtheoretisch in den fünfziger Jahren durch die Begegnung mit der Konkreten Poesie Helmut Heißenbüttels und den mathematisch fundierten Experimenten des Stuttgarter Wissenschaftstheoretikers Max Bense aus. Damals schon wollte Harig die Anstrengungen der Theorie als „Modifikationen eines epikuräischen Verhaltens zur Welt“ begreifen. Literatur sollte Einspruch gegen die Ökonomisierung des Lebens im deutschen Wirtschaftswunder und die Ideologisierung der Sprache und Literatur sein. Die Idee des mathematischen Kalküls als Einsicht in das „seltsame Verhältnisspiel“ zwischen Dingen und Wörtern war ihm Befreiung von einem Literaturverständnis, das in den „Tiefen eines religiös-visionären Welterlebnisses“ nach dem Dichterischen suchte.

          Distanz zur Ästhetik der Moderne

          Befördert wurde das durch seine Beschäftigung mit der französischen Literatur und Kultur. Als Übersetzer Raymond Queneaus bereicherte er sein Instrumentarium der sprachlichen Spielformen. Der Roman „Rousseau“ (1978) verknüpfte die Vergegenwärtigung aufklärerischen Denkens mit autobiographischer Selbstaufklärung. Die Auseinandersetzung mit den Romanen Flauberts und Prousts führte ihn von der distanzierenden Beschäftigung mit dem Material der Sprache in Montage und Collage, die er auch in Hörspielen im Rahmen der „O-Ton-Bewegung“ der sechziger Jahre praktiziert hatte, zum erinnernden Schreiben.

          Mit wachsender Popularität distanzierte er sich zunehmend vom Gestus der Avantgarde und der Ästhetik der Moderne. Er orientierte sich nun an den großen Erzählern des 19. Jahrhunderts, bekannte sich zur Provinz, als Europäer wollte er vor allem Saarländer sein. Dem transzendentalen Heimweh der Universalpoesie setzte er sein immanentes „saarländisches Hemmweh“ entgegen. Literatur sollte der Ausdruck einer „guten Art, zu leben und zu denken“ sein. Seine Selbstauskünfte und Essays in „Wer schreibt, der bleibt“ (2004) haben bei aller Ironie etwas gemütlich Geselliges an sich. In „Kalahari. Ein wahrer Roman“ (2007) wird die Geschichte einer deutsch-französischen Freundschaft an reich gedeckten Tischen mit französischen und saarländischen Spezialitäten sinnlich.

          Die Rolle des provinziellen Spaßmachers und Bonvivants, in der sich Harig gefiel, wird nicht vergessen machen, dass er sich mit den selbstkritischen Erinnerungen in seiner saarländischen Chronik sehr respektabel vom ebenfalls 1927 geborenen Günter Grass und anderen Kollegen unterscheidet, die ihn auf den Tagungen der Gruppe 47 seinerzeit ein wenig von oben herab behandelten. Aus den Romanen des Sulzbacher Europäers wird der Leser auch in ferner Zukunft noch viel über Deutschland lernen können. Am vergangenen Samstag ist Ludwig Harig in Sulzbach gestorben.

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