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Zum Tod des Regisseurs Thomas Harlan : Der Mann, der das Grauen angefasst hat

Thomas Harlan 1929 - 2010 Bild: Andreas Müller

Sein Werk entstand aus dem Gefühl uneingestandener deutscher Schuld. Sein ganzes Leben galt der Frage, wie der Holocaust möglich gewesen sei. Zum Tode des Regisseurs und Autors Thomas Harlan.

          Man muss ihn einen Unzeitgemäßen nennen: In Zeiten, die allgemein auf Versöhnung aus sind, blieb er hartnäckig unversöhnt. Zu groß und - dies zu dokumentieren war Teil seines Lebens - vor allem ungesühnt war seiner Einsicht nach die Schuld, als dass so etwas wie „Aussöhnung“ zwischen Deutschland und Israel, Deutschland und Polen auch nur denkbar gewesen wäre.

          Edo Reents

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

          Thomas Harlan hat nicht persönlich unter dem Nationalsozialismus gelitten - eher war das Gegenteil der Fall: Ihn, den acht-, neunjährigen Sohn des Regisseurs Veit Harlan, der in einem großbürgerlichen Berliner Haus mit direktem Kontakt zu den Machthabern aufwuchs, holte eines späten Abends Joseph Goebbels aus dem Bett, ging mit ihm zu einem eigens aufgeschlossenen Spielwarengeschäft und kaufte ihm eine Märklin-Eisenbahn. Auch Hitler selbst hat er als netten Mann erlebt.

          Und doch ist Thomas Harlan, eher abseits der offiziellen Prozesse von Nürnberg über Frankfurt bis hin zum jüngsten gegen Münchner gegen John Demjanjuk, einer der beredtesten Ankläger nationalsozialistischer Verbrechen geworden. Sein ganzes Leben, könnte man sagen, glich einer ruhelosen, unendlichen Suchbewegung, die um zwei Fragen kreiste: Wie war der Holocaust möglich? Und wie war es möglich, dass so viele nach dem Krieg nicht nur ungeschoren davon kamen, sondern in der Bundesrepublik auch noch Karriere machten? Letzteres, die personelle Kontinuität, hat ihn fast noch mehr erbittert. Denn der Judenmord war geschehen, und Harlan glaubte nicht daran, dass sich dafür je eine zufriedenstellende Erklärung finden ließe. Für umso dringlicher hielt er es, die Menschheitsverbrechen einzugestehen und daraus Konsequenzen zu ziehen.

          Ein einsamer Aufklärer

          Das ist, für sich genommen, noch keine Position, durch die man zum Außenseiter wird; sie ist nahe an der These einer zweiten Schuld, wie sie auch von den Mitscherlichs oder Ralph Giordano vertreten wurde. Aber Thomas Harlan war in seiner Hellsichtigkeit, Schärfe und Unnachgiebigkeit ein Außenseiter, dem bei seinem Projekt „Aufklärung und Anklage“ fast jedes Mittel recht war. Was er auch machte, durchweg aggressive, körperbetonte Kunst - es machte Skandal, schon sein erstes Theaterstück „Ich selbst und kein Engel“, das er in Frankreich schrieb, wohin er 1948 gezogen war. In den ersten Pariser Intellektuellenkreisen war er, wie er es selbst einmal formulierte, das deutsche „Küken“.

          1960 ging er nach Polen und durchsuchte in fiebriger Besessenheit Archive. Mit dem Material, das er fand, wurden unzählige Prozesse beliefert, auch der Auschwitz-Prozess; es brachte Harlan persönlich aber auch Verfahren wegen Landesverrats ein, die ihn zwangen, deutschen Boden zu meiden. In der Folge kämpfte er an allen linken Fronten, in Italien, in Chile und bei der Nelkenrevolution in Portugal.
          Unter seinen Dokumentarfilmen, die gelegentlich die Grenze zur Quälerei überschritten, ist wohl „Wundkanal - Hinrichtung für vier Stimmen“ (1984) der schockierendste: Hier wird der 1973 vorzeitig aus der Haft entlassene SS-Obersturmbannführer Alfred Filbert buchstäblich vorgeführt. Harlan zog auch eine Linie zur RAF, indem er die Vermutung äußerte, die Stammheimer Gefangenen wären 1977 auf staatliches Geheiß ermordet worden.

          Spät schrieb Harlan seine Romane: „Rosa“ (2000) und vor allem der monströse „Heldenfriedhof“ (2006) waren ebenfalls zum Extrem getriebene Formen der Vergangenheitsbewältigung, die auf Psychologisieren konsequent verzichteten. Sprachmächtig, halb dokumentarisch, halb fiktional bereitete Harlan hier das Grauen der Vernichtungslager und die unheilbaren Verstörungen der Davongekommenen auf.

          Schärfster Gegner seines Vaters

          Es blieb die Wunde Veit: Als der Regisseur von „Jud Süß“ 1964 in Capri auf dem Sterbebett lag, rief er den Sohn zu sich. Und Thomas Harlan kam, obwohl er, anders als sein Vater, nicht an die Unschuldigkeit von Kunst glaubte: „Stellen Sie sich vor - sein Sohn war sein schärfster Gegner! Ich hätte das wahrscheinlich nicht getan.“ Er blieb sechs Wochen.

          Sein letztes Jahrzehnt verbrachte er, schwer krank, aber unermüdlich produktiv, in einem Lungensanatorium nahe Berchtesgaden. Dort durfte ihn der Verfasser dieser Zeilen einmal besuchen. Wir sprachen lange. Auf die Frage, ob ihn sein Engagement nicht schwermütig gemacht habe, antwortete er: „Davon mache ich mich schnell frei. Ich habe diese Arbeit ja nicht für mich gemacht. Die Frage war für mich immer: Wie näherst du dich dem Grauen? Ich hab's angefasst, aber nicht begriffen. Ich decke das Land auf.“ Das tat er, weiß Gott. Sein Projekt „Das Vierte Reich“ wurde nicht fertig. Am vergangenen Samstag ist Thomas Harlan im Alter von einundachtzig Jahren gestorben. Die noch im Juni diktierten sechzig Seiten über seinen Vater - Titel: „Veit“ - werden aber bald veröffentlicht.

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