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Zum Tod Tomas Tranströmers : Mein Name kommt wie ein Engel

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Tomas Tranströmer (15. April 1931 bis 26. März 2015) Bild: Picture-Alliance

In seiner Dichtkunst geht es um eine Phantasie, die zugleich frei und verbindlich ist. Klarheit und Magie waren ihm keine Widersprüche: Zum Tod des schwedischen Literaturnobelpreisträgers Tomas Tranströmer.

          Wer die späten Verse von Dichtern liest, liest lauter letzte Worte. Mehr als andere hat Tomas Tranströmer seine Leser auf sie vorbereitet. Sein Band „Das große Rätsel“ von 2005 – schmal wie alle seine Bücher – ist sein Vermächtnis geworden. In ihm ist November, Windstille, Spätzeit. Das Eingangsgedicht wirft einen letzten Blick vom „Adlerfelsen“: „In der Tiefe des Bodens gleitet meine Seele/schweigend wie ein Komet.“ In dieses Schweigen ist Tomas Tranströmer nun eingetreten. Jetzt ist er im Alter von 83 Jahren gestorben.

          Sein Schweigen hatte sich schon lange angekündigt. Vor über einem Jahrzehnt, 1996, hatte Tranströmer einen schweren Schlaganfall erlitten, der um sein Leben fürchten ließ. Umso erstaunlicher, wie weit der Dichter sich in den folgenden Jahren erholte. Er reist wieder, hieß es unter seinen Freunden. Er war sogar in China, hörte man. In Münster, beim Lyrikertreffen 2001, auch in Berlin konnte man ihm begegnen. Vor drei Jahren hatte er noch einen Auftritt bei der Lit.Cologne. Er spielte wieder Klavier, wenn auch nur mit der Linken, die er noch bewegen konnte. Er schrieb an Gedichten, wenn auch den knappsten denkbaren. Alte und neue Haikus – eine Form, die er früh trainiert hatte – standen in seinem letzten Bändchen. Der Kreis hatte sich geschlossen.

          Das Entscheidende: die Vision

          Tomas Tranströmer debütierte 1954 als Vierundzwanzigjähriger mit „17 dikter“, siebzehn Gedichten. Sein lyrisches Œuvre, das in über fünfzig Jahren wuchs, passt in einen Band von nicht einmal dreihundert Seiten. Kein Vielschreiber also. Und doch hat man seinen Namen unter den Großen der internationalen Poesie genannt. Als Tranan – Kranich, wie ihn seine Mitschüler nannten – 2011 nach langem Warten doch noch den Literaturnobelpreis erhielt, war er im Reigen der anderen Preisträger tatsächlich ein seltener Vogel. Der Dichter als Anachronismus.

          Tranströmer war ein Einzelgänger, der in seiner Verantwortung vor der Sprache lebte. Ein Artist von hohen Graden, der uns mit einer Welt neuer Bilder beschenkte. „Das Entscheidende ist die Vision“, hat er selbst gesagt. Und dieser poetischen Vision ist der Mann des Jahrgangs 1931 bis zuletzt gefolgt. Vor ihrer Ausbeutung schützte ihn die Praxis des Alltags: seine jahrelange Berufsarbeit als Psychologe in einer Anstalt für kriminelle Jugendliche oder als Berufsberater in Arbeitsämtern. Auch die Poesie profitierte davon. Etwa durch Schnappschüsse wie diesen: „Zwei Jungen treten Ball in der Dämmerung./Ein Schwarm schwacher Echos. – Plötzlich sternenklar.“

          Eine Phantasie, die zugleich frei und verbindlich ist

          Klarheit und Magie waren ihm keine Widersprüche. Das Geheimnis von Tranströmers Poesie hat mit seinen Bildern, seinen Metaphern zu tun. Man hat den Dichter den schwedischen Neuerfinder der Metapher genannt. In seinen frühen Gedichten gab es so frappierende Bilder wie „Die Zeitung, großer schmutziger Schmetterling“ oder „Schweden ist ein an Land gezogenes, abgetakeltes Schiff“. Peter Szondi glaubte in solch kühnen Verbindungen zweier Elemente ein „Drittes“ zu erkennen, „für das es kein Wort gibt“.

          So schuf Tranströmer eine poetische Welt, die nah an der Realität bleibt und doch nicht von dieser Welt ist. Seine Lyrik ist ein imaginärer Raum, aus dem ein kühles, aber intensives Licht auf Dinge und Menschen fällt. Lars Gustafsson, der Freund und Kollege, sah darin eine Sphäre, in der die Wahrnehmungen „sinnvoller“ als gewöhnlich erscheinen. Man begreift, dass es nicht um eine bloß surreale Phantastik geht, sondern um eine Phantasie, die zugleich frei und verbindlich ist.

          Sein Auftrag: „dort zu sein, wo man ist“

          Damit konnte Tranströmers Gedicht auch die Last von Zeit und Geschichte tragen. Wortwörtlich geschieht das in „Trauergondel“ aus den neunziger Jahren. Das ist nicht bloß eines der schönsten und kühnsten Venedig-Gedichte, sondern zugleich ein großartiges und tiefsinniges Zeitgedicht. Es spielt auf Liszt und Wagner an und holt von ihnen die Musik seiner Bilder. Es sondiert aber auch den historischen Grund „bis in die Jahre der Braunhemden hinab“ und eröffnet den Blick auf die Albträume zeitgenössischer Realität: „25. März. Unruhe für Litauen./Träumte, ich besuchte ein großes Krankenhaus. Kein Personal. Alle waren Patienten.“ Tranströmers Gedicht erneuert die alte Schiffsmetapher für unsere Gegenwart. Es halluziniert kein „trunkenes Schiff“, sondern zeigt eine „Müllgondel, von zwei einruderigen Banditen gepaddelt“, schön und schäbig, pompös und miserabel.

          So unterlief Tranströmer die Dialektik von reiner Kunst und Engagement. Er sah sich als den Dichter mit dem selbstgewählten Auftrag, „dort zu sein, wo man ist“. Er sah ihn als Drehkreuz in einer murmelnden Menge. Wie im Hades die Schatten zu Odysseus, so kommt diese Menge zu ihm, um Sprache und Individualität zu gewinnen. Doch auch der Dichter verfügt nicht mehr über das Ich und über den eigenen Namen.

          Dafür muss man sich verloren haben

          In einem Prosagedicht von 1970 gibt es den Autofahrer, der ermüdet unter die Bäume neben der Straße gefahren ist, um auszuruhen. Als er erwacht, hat er vergessen, wer er ist: „Ich bin etwas, das auf dem Rücksitz erwacht, in Panik umhertobt wie eine Katze im Sack. Wer? – Endlich kehrt mein Leben wieder. Mein Name kommt wie ein Engel.“

          Tranströmer zeigt uns, dass man sich verloren haben muss, um sagen zu können: „Mein Name kommt wie ein Engel.“ Der Dichter nahm den Kampf um den Namen auf, und allein das Gedicht konnte ihn gewinnen. Er selbst war so bescheiden, sich lediglich als „ein T in der unendlichen Textmasse“ zu empfinden. T wie Tomas? T wie Tranströmer? Wie auch immer: Seine Poesie ist voll von Epiphanien, von profanen Erleuchtungen, die uns die Existenz von Dichtern so kostbar und ihren Verlust so schmerzhaft machen.

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