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Zum Tod von Michael Braun : Enthusiast für Poesie

  • -Aktualisiert am

Michael Braun im April 2018 im Berliner Haus für Poesie Bild: Imago

Er war ein kritischer Fixstern im so wilden und bunten Kosmos der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur, ein enthusiastischer Vermittler der Dichtkunst des 21. Jahrhunderts. Zum Tod des Lyrik-Kenners Michael Braun.

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          Am Montag zeichneten wir noch gemeinsam Lyrikgespräche für den Deutschlandfunk auf, an denen Michael Braun von Beginn an mitgewirkt hatte. Einer der Bände, über die wir sprachen, waren die von Sebastian Köthe herausgegebenen „Gedichte aus Guantánamo“. Im Gespräch konnte man es nicht nur aus Brauns Worten hören, sondern auch an seiner Stimme: Die Gedichte der Inhaftierten hatten ihn mitgenommen. Man könne über diese Zeugnisse nicht allein auf der Grundlage ästhetischer Kategorien sprechen, sagte er, der seit vier Jahrzehnten der Dichtung auf Engste verbunden war.

          Michael Braun, geboren 1958 im pfälzischen Hauenstein, war ein kritischer Fixstern im so wilden und bunten Kosmos der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Nach dem Studium der Germanistik und Philosophie publizierte er seine Kritiken in großen Tageszeitungen und Literaturzeitschriften sowie beim Hörfunk. Beim Deutschlandfunk gab er jahrzehntelang den Lyrikkalender heraus, der Tag für Tag einen poetischen Augenblick der Konzentration auf die Kraft der Worte bereithielt.

          Kein Lyriker im deutschsprachigen Raum ist in den vergangenen Jahrzehnten an Braun vorbeigekommen, vielen wurde durch seine Vermittlung überhaupt erst Aufmerksamkeit zuteil, unter ihnen Nico Bleutge, Paul-Henri Campbell, Mara Genschel, Kerstin Preiwuß oder Katharina Schultens. Aus seinem Austausch mit Autoren und Autorinnen, darunter Ulrike Draesner, Kurt Drawert, Jürgen Nendza, Henning Ziebritzki, gingen zahlreiche Interviews, Essays und Laudationes hervor. Woraus sich Michael Brauns kritisches Erkenntnisinteresse speiste, lässt sich auch durch einige Titel seiner zahlreichen Herausgeberschaften präziser fassen: Die Anthologien „Aus Mangel an Beweisen“ und „Lied aus reinem Nichts“, zwei gemeinsam mit Hans Thill herausgegebene Bände mit deutschsprachiger Lyrik des 21. Jahrhunderts, weisen ebenso wie der Titel „Was ich weiß, geht mich nichts an. Essays zum 50. Todestag von Günter Eich“ den Weg zu einer der Suche nach Wahrheit verpflichteten Skepsis, in die Offenheit bis in die Unsicherheit.

          Die Werke Günter Eichs und Ilse Aichingers standen ganz zuvorderst in Brauns lyrischem Handapparat. Die Scheu vor den „besseren Wörtern“ (Aichinger) vermählte sich in seinem kritischen Schaffen aber auch mit dem Anarchischen eines Hugo Ball. Durch seine Belesenheit, seine Konzentrationsfähigkeit, seine mit Verständnis für die frei schwebende Existenz der Dichter gepaarte Hinwendung zum Wort war er eine Institution des literarischen Lebens. In der Nacht zum 23. Dezember ist Michael Braun in Heidelberg im Alter von 64 Jahren verstorben. Mit ihm verliert die Literaturwelt einen enthusiastischen Vermittler der Lyrik des 21. Jahrhunderts.

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