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Nachruf auf Luigi Reitani : Vermittler zwischen den Kulturen

  • -Aktualisiert am

Hat der Forschung neue Wege gewiesen: Luigi Reitani Bild: imago stock&people

Er konnte über Schnitzler genauso gut Auskunft erteilen wie über Bachmann und Jandl. Seine Hölderlin-Forschung hat der Philologie neue Impulse verliehen. Nun ist der italienische Germanist Luigi Reitani mit zweiundsechzig Jahren gestorben.

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          Vor nicht einmal vier Wochen kam seine letzte Mail, eine Rezension der ­italienischen Übersetzung von Anne Webers „Annette, ein Heldinnenepos“. Luigi Reitani hatte die komplizierte Arbeit der Übersetzerin an diesem Versroman gelobt – „ottimamente resi in italiano da Agnese Grieco“ –, und wenn einer es beurteilen konnte, dann dieser freundliche Herr aus Foggia in Apulien. Reitani gehörte zu den italienischen Germanisten, die wie Giuseppe Bevilacqua, Claudio Magris oder Luigi Forte nicht nur als Gelehrte Anerkennung fanden, sondern auch als Übersetzer, Kritiker und Vermittler zwischen den Kulturen tätig waren.

          Wenn der kürzlich verstorbene Bevil­acqua für immer mit Namen und Werk von Paul Celan verbunden ist, Magris den „habsburgischen Mythos“ mit Leben versehen und Forte die zwan­ziger Jahre im Blick hat, so wird Reitani erinnert werden müssen, wenn es ums Nachleben des Werks von Hölderlin geht. Seine in jahrzehntelanger Arbeit erstellte, mit fünfhundert Seiten Kommentar versehene und zu großen Teilen von ihm selbst übersetzte Ausgabe sämtlicher Werke des Dichters für den Verlag Mondadori ist ein Meilenstein deutsch-italienischer Philologie, ausgezeichnet mit dem Mondello-Preis für Übersetzung. Besonders Reitanis Arbeit am „Empedokles“-Fragment, Hölderlins „letz­tem Anlauf zu einem großen Werk“, hat der Forschung neue Wege gewiesen.

          Argwöhnische Beobachtung durch die Regierung in Rom

          Auf seine Liebe zu Hölderlin angesprochen, sagte Reitani einmal, an diesem Dichter interessiere ihn dessen Scheitern: „Immer neue Welten will er erschaffen. Immer vergebens.“ Hölderlin füllte indes nur einen Teil von seiner Arbeit als Germanist aus. Reitani interessierte sich auch für die „kakanische“ Literatur. Über Schnitzler hatte er in Bari promoviert, über die moderne österreichische Poesie von Artmann und Bachmann über Jandl und Jelinek bis hin zu Schrott und Schindel hat er ausführlich geschrieben. Mit diesem nie gehetzt auftretenden, immer mit einem hellen Lächeln daherkommenden Menschen war wunderbar über Literatur zu sprechen.

          Kennengelernt habe ich ihn bei einem von ihm geleiteten Literaturfestival in Pordenone. In einer langen Nacht hat er mir die europäische Geschichte des deutsch-amerikanischen Ökonomen Albert O. Hirschman erzählt, dessen Bücher ich verlegt hatte, ohne mich länger mit seiner Biographie auseinandergesetzt zu haben. Warum gerade diese Geschichte? Weil Renata Colorni, die Herausgeberin der Reihe „I classici della poesia“, in der Reitanis Hölderlin-Ausgabe erschienen war, die Tochter von Hirschmans Schwester Ursula war, die zunächst mit dem berühmten Philo­sophen Eugenio Colorni, später dann mit Altiero Spinelli verheiratet war, der als Vordenker der europäischen Integration gilt; ihre Schwester Eva hingegen hatte Amartya Sen, den anglo-indischen Nobelpreisträger, geheiratet, der sie allerdings für die amerikanische Philosophin Martha Nussbaum verließ ... und so weiter, eine europäische Geschichte, die von mir aus immer so weiter hätte gehen können, wenn Reitani nicht zu einer weiteren wichtigen Arbeit aufgebrochen wäre: Von 2015 bis 2019 leitete er das Italienische Kulturinstitut in Berlin, was er trotz argwöhnischer Beobachtung durch die Regierung in Rom gerne tat.

          2020 sollte für ihn ganz im Zeichen des 250. Geburtstags von Hölderlin stehen, danach wollte Reitani wieder seine Professur in Udine übernehmen, aber die Wohnung in Berlin behalten. Am vergangenen Samstag ist er dort gestorben. Ich wage gar nicht daran zu denken, dass dieser freundliche, aufmerksame und hilfsbereite Mensch die Qualen des Corona-Todes erleiden musste.

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