https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/autoren/zum-tod-des-franzoesischen-historikers-paul-veyne-18351981.html

Zum Tod von Paul Veyne : Es war seine wichtigste Aufgabe, die Wahrheit festzustellen

  • -Aktualisiert am

Er wusste, wie bunt, widersprüchlich und zufällig menschliche Existenz sich in der Regel darstellt: Paul Veyne. Bild: AFP

Er war ein öffentlicher Intellektueller, verfügte über ein enzyklopädisches Wissen und erklärte das Verhalten antiker Akteure mit soziologischen Theorien. Nun ist der Historiker Paul Veyne mit 92 Jahren gestorben.

          2 Min.

          Es war ein tiefer Graben, der sich vor gut vierzig Jahren im Disput zwischen Hans-Ulrich Wehler und Golo Mann auftat, zwischen der strengen, theoriegeleiteten Rekonstruktion von Strukturen und einer auf Kenntnissen gegründeten, kunstvollen Erzählung. Um eine Brücke zwischen den in der Bielefelder Geographie getrennten Kontinenten zu schlagen, zitierte der Ältere Paul Veynes Wort, die Historie sei ein wahrer Roman mit Lücken.

          Paul Veynes Wirken als Erforscher der römischen Antike vereint Zugriffe und Eigenheiten, wie sie wohl nur in Frankreich in einer intellektuellen Persönlichkeit zusammenfließen konnten. Die erste Aufgabe des Historikers sei es, so schrieb er 1971 in „Comment on écrit l’histoire“, die Wahrheit festzustellen, die zweite, die Fabel verständlich zu machen. Zur Geschichte gehöre Kritik, aber keine Methode, denn es gebe keine Methode des Verstehens. Doch ohne historische Bildung sei das Geschäft nicht zu betreiben, und diese könnte man auch als soziologische oder ethnologische Bildung bezeichnen. In diesem Sinne schulte sich Veyne an Weber, Sombart und Jellinek. Geschichte und Ökonomie der Antike systematisch zu erfassen oder auch verfremdend durch die ethnologische Brille zu betrachten, war im Land von Durkheim, Mauss und der Annales-Schule ohnehin geläufig.

          Sein Schreibstil war oft assoziativ

          Doch Veyne ging ganz eigene Wege. Zwar war auch er ein öffentlicher Intellektueller französischen Stils, doch sein Flirt mit dem intellektuellen Marxismus und dem politischen Kommunismus blieb eine kurze und oberflächliche Episode. In „Le pain et le cirque“, dem 1976 publizierten wissenschaftlichen Hauptwerk, legte er eine bahnbrechende Neuinterpretation des vor allem im Hellenismus und der römischen Kaiserzeit so hervorstechenden Euergetismus vor. Die stete Übung der Wohlhabenden einer antiken Stadt, aus ihrem privaten Vermögen für die Mitbürger Feste und Theateraufführungen auszurichten, den Getreidepreis konstant zu halten, das Gymnasion zu subventionieren und so die Erziehung der Jugend zu sichern, Gesandtschaften zu finanzieren oder öffentliche Bauten zu errichten, sei nicht aus einem klassengebundenen Herrschaftsinteresse zu erklären. Auch die funktionalistische Erklärung, es habe sich um einen Tausch von Umverteilung gegen sozialen Frieden gehandelt, greife entscheiden zu kurz. Vielmehr bildeten die Wohltaten eine genuine Form der Selbstverwirklichung, des guten Lebens der Honoratioren.

          Mehr als die oberflächlichen Parallelen zu Gabentausch und Potlatch interessierte Veyne, der mit Michel Foucault eng befreundet war und ein Buch über ihn schrieb, was den Euergetismus von der christlichen Wohltätigkeit und Armenpflege unterschied und was moderne Theorien über Luxus nebst demonstrativem Konsum zu seiner Erklärung beitragen können. Soziologische Theorie diente ihm stets dazu, die so schwer zugänglichen Handlungs- und Verhaltensweisen antiker Akteure im Detail zu erklären, nicht etwa ganze Gesellschaften über drei oder vier Leisten zu schlagen. Dazu passte ein oft assoziativer Schreibstil, der gepaart mit enzyklopädischem Wissen abbildet, wie bunt, widersprüchlich und zufällig menschliche Existenz sich in der Regel darstellt.

          Eine autobiographische Anekdote lässt die beim Spazierengehen gefundene Spitze einer römischen Amphore zum Erweckungsmoment des Achtjährigen werden. Der aus der Provence stammende Bildungsaufsteiger studierte an den Kaderschmieden der Republik sowie der École française de Rome und lehrte in seiner Heimatstadt Aix, bevor er 1975 ans Collège de France berufen wurde; dort vertrat er ein Vierteljahrhundert lang die Römische Geschichte.
          Veynes jüngste Bücher, geschrieben in einem Dorf am Mont Ventoux, zählen wohl zu seinen persönlichsten. Eines rückt die vom IS großflächig zerstörte Ruinenstadt Palmyra vor das geistige Auge, das andere interpretiert das große Fresko der Mysterienvilla in Pompeji als Momentaufnahme vor einer Hochzeitsnacht. Nun ist Paul Veyne im Alter von 92 Jahren gestorben.

          Weitere Themen

          Das Weimarer Doppelgesicht

          FAZ Plus Artikel: Das Jahr 1923 : Das Weimarer Doppelgesicht

          Ruhrbesetzung, Hitler-Putsch, linke Umsturzpläne, nationalkonservative Attacken, Hyperinflation: Die Weimarer Republik überstand 1923 einige Gefahren. Fünf neue Bücher widmen sich diesem Jahr.

          Zu sehen ist eine Diktatur

          Iran und das Assad-Regime : Zu sehen ist eine Diktatur

          Sind die syrischen Proteste vor dem Krieg mit den aktuellen in Iran vergleichbar? Die beiden Regime sind eng miteinander verknüpft. Noch ein Grund, weiterhin genau hinzuschauen.

          Topmeldungen

          Ausnahmsweise ohne Buch in der Hand: Buschmann im Sommer bei der Kabinettsklausur in Meseberg

          Die zwei Justizminister : Wer ist Marco Buschmann?

          Fußnoten-Liebhaber und Musikproduzent: Justizminister Buschmann pflegt eine widersprüchliche Selbstinszenierung. Wenn es um seine Überzeugungen geht, ist vom braven Aktenmenschen aber nicht mehr viel übrig. Dann kämpft er hart.
          Französischer Doppeldecker über einer Industrieanlage im Ruhrgebiet: Die Besetzung wegen ausstehender Reparationszahlungen an die Siegermächte des Ersten Weltkriegs begann im Januar 1923 und dauerte bis 1925.

          Das Jahr 1923 : Das Weimarer Doppelgesicht

          Ruhrbesetzung, Hitler-Putsch, linke Umsturzpläne, nationalkonservative Attacken, Hyperinflation: Die Weimarer Republik überstand 1923 einige Gefahren. Fünf neue Bücher widmen sich diesem Jahr.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.