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Albert Uderzo ist tot : Ein Zeichner für den Olymp

Der Zeichner Albert Uderzo 2007 in Paris. Bild: dpa

Ein gallisches Dorf hört nicht auf, die ganze Welt zu begeistern: Mit Asterix hat Albert Uderzo eine einzigartige Comicfigur geschaffen, deren Erfolg ihresgleichen sucht. Nun ist der französische Zeichner gestorben, und nicht nur die Gallier weinen.

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          Als Asterix und Obelix ins griechische Olympia einziehen, um als Athleten an den dortigen Wettkämpfen teilzunehmen, durchschreiten sie ein Stadttor, dessen linken Pfeiler ein Relief mit zwei in Togen gehüllten Männern schmückt: Gemeinsam haben sie einen Stier niedergerungen, aber aus dem Mund des einen kommt auf Griechisch das Wort „Despot“, der andere gibt ihm ein „Tyrann“ zurück. Am Fuß des Reliefs ist eingemeißelt, welche zwei Herren hier dargestellt sind: Goscinny und Uderzo.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Man könnte meinen, da beschimpften sich zwei. Doch René Goscinny und Albert Uderzo waren enge Freunde, und zusammen hatten sie jene Welt geschaffen, in der sie sich nun selbst ihren buchstäblichen Cameoauftritt bescherten: die Welt von Asterix, dem kleinen gallischen Krieger, der um das Jahr 50 vor Christus unbeugsam Widerstand gegen die Großmacht der römischen Besatzer leistet. Dadurch sind die Namen Goscinny und Uderzo in der Kulturwelt so untrennbar miteinander verbunden wie die von Lennon und McCartney, Laurel und Hardy, Rogers und Hammerstein, Fischli und Weiss oder Fruttero und Lucentini: als in der ganzen Welt bekannte Künstlerduos, deren Werke ihre jeweiligen Disziplinen geprägt haben.

          Harry Potter ist nichts dagegen

          Aber das war 1968, als der eine der beiden, René Goscinny, sich für das Album „Asterix bei den Olympischen Spielen“ diese Selbstreferenz ausdachte und der andere, Albert Uderzo, sie zeichnete, noch nicht klar. Ihre gemeinsame Comicserie gab es da zwar schon neun Jahre, und ganz Frankreich ergötzte sich an den Abenteuern der wehrhaften Bewohner des gallischen Dorfs, aber der Erfolg jenseits der Grenzen ließ noch auf sich warten. Doch just in jenem Jahr 1968 startete endlich auch die deutsche Ausgabe, und ausgerechnet bei den Nachbarn, die 1963 im dritten Band der Serie, „Asterix bei den Goten“, noch so böse verspottet worden waren, sollte die Begeisterung noch größere Ausmaße annehmen als im Ursprungsland des Comics. Übersetzungen in Dutzende anderer Sprachen folgten, und heute gibt es achtunddreißig „Asterix“-Bände, deren weltweite Verkaufszahlen nur mehr zu schätzen sind: Mehr als dreihundert Millionen sollen es insgesamt sein. „Harry Potter“ ist nichts dagegen.

          Vierundzwanzig dieser Bände stammen von Goscinny und Uderzo, und es wären noch viel mehr geworden, wenn Goscinny nicht 1977 im Alter von nur einundfünfzig Jahren gestorben wäre. In der Woche darauf setzte die Illustrierte „Paris Match“ einen weinenden Asterix aufs Titelblatt, den Uderzo gezeichnet hatte. Wer wird der französischen Presse nun in Tränen aufgelöste Gallier liefern, die den Tod von Albert Uderzo beklagen, der gestern im Alter von zweiundneunzig Jahren in Neuilly-sur-Seine gestorben ist?

          Er hatte nach dem Tod des Freundes „Asterix“ allein fortgeführt, aber der Einfallsreichtum eines Goscinny war Uderzo nicht gegeben. In mehr als drei Jahrzehnten brachte er es nur auf zehn Alben. Dem gemeinsamen Erbe jedoch fühlte er sich derart verpflichtet, dass er mehrfach verkündete, mit ihm würde auch „Asterix“ sterben – Vorbild war ihm dabei Hergé, der 1983 seine Comicserie „Tim und Struppi“, den anderen ikonischen Comiczyklus der französischsprachigen Welt, mit ins Grab nahm. Es waren dann familiäre Umstände, die ihn 2012, mit Mitte achtzig, bewogen, gemeinsam mit der Tochter Goscinnys die Rechte an „Asterix“ einem französischen Großverlag zu verkaufen und damit zu ermöglichen, dass jemand anderer als er „Asterix“ zeichnen durfte. Sein Nachfolger Didier Conrad wird die tapferen Gallier um Uderzo weinen lassen.

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