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Zum Tod von Michel Butor : Lesen als Akt nobler Faulheit

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Nicht nur in Gedanken unterwegs: Der französische Schriftsteller Michel Butor bereiste die ganze Welt. Bild: dpa

Literatur war das Terrain, auf dem er seinen intellektuellen Spieltrieb auslebte: Michel Butor war der jüngste und einer der radikalsten Vertreter des Nouveau Roman – jetzt ist der Vielgeehrte im Alter von 89 Jahren gestorben.

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          Auch literarische Schlachten haben ihre Überlebenden, auch diese sterben irgendwann aus. Mit Michel Butor verliert Frankreich den letzten prominenten Vertreter des Nouveau Roman – Nathalie Sarraute, Claude Simon und Alain Robbe-Grillet sind ihm vorausgegangen. Der Nouveau Roman hatte in den fünfziger Jahren die „Ära des Verdachts“ eingeläutet und zum Angriff auf die traditionell gewordene Romanform geblasen; Balzac musste als Erzfeind fliehen, während ein auf das „livre sur rien“, das „Buch über nichts“, reduzierter Flaubert zum Bannerträger avancierte. Butor, der Jüngste, experimentierte radikaler als die meisten, mit denen ihn die Literaturkritik verbündet sehen wollte – und ließ sich weit weniger in einen Frontenkrieg verwickeln.

          Das belegt bereits das Buch, das man als seine Autobiographie bezeichnen könnte: Durch den ironischen Titel „Improvisations sur Michel Butor“ (1993) reiht es sich nicht nur in die literarische Tradition ein, deren Vertretern Butor durch weitere „Improvisationen“ die Ehre erwies – Flaubert, Rimbaud und (man staune) Balzac. Es trägt zudem den Untertitel „L’écriture en transformation“ („Das Schreiben in Wandlung“). Sich einer Partei ein für alle Mal zuschreiben zu lassen, dazu war Butors Interesse an allen denkbaren Formen und Inhalten zu groß: Noch als Greis mit würdigem Bart betrachtete er Literatur als das Terrain, auf dem er seinen intellektuellen Spieltrieb am schalkhaftesten ausleben konnte.

          Vordergründig eine Eisenbahnfahrt

          Butor wurde am 14. September 1926 in Mons-en-Barœul bei Lille geboren. Mit drei Jahren kam er nach Paris; dort besuchte er Louis-le-Grand, eines der zwei großen Gymnasien. Über einen Großonkel, der Philosophie am Collège de France lehrte, erhielt er Eintritt in philosophische Kreise. Der klassische Eliteparcours freilich misslang: Butor scheiterte an der berüchtigten „agrégation“ für Philosophie (die Prüfung entspricht dem Staatsexamen, ist aber viel selektiver). Damit war ihm der Lehrberuf an staatlichen Einrichtungen in Frankreich verschlossen. Er brach die Zelte ab, ging als Lehrer nach Ägypten, dann als Lektor nach Manchester. Was als Flucht begann, wurde Leidenschaft: Butor war ein großer Reisender.

          Eine weitere Entscheidung fiel: Nach Ägypten hatte Butor zwei Projekte mitgebracht, eine Doktorarbeit in Philosophie und einen Roman. Fertiggestellt wurde nur „Passage de Milan“ („Mailänder Passage“); 1954 erschien der Roman bei Éditions de Minuit, dem Verlag des Nouveau Roman. Die Weichen waren gestellt. Allgemein bekannt wurde Butor erst durch den Zug, der darauf fuhr, nämlich jenem aus „Paris–Rom oder Die Modifikation“ (1957): Vordergründig erzählt der dritte Roman eine Eisenbahnfahrt, in deren Verlauf ein Mann den Plan aufgibt, seine Frau zu verlassen; im Zentrum aber stehen die beiden Städte sowie die Bewegung dazwischen.

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