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Zum Tod von Michel Butor : Lesen als Akt nobler Faulheit

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Orte als kollektive Kunstwerke

Der Roman zeigt die Pole in Butors Schaffen. Einerseits ist es geradezu klassizistisch: Der Text respektiert die aristotelischen Einheiten von Raum und Zeit; wie Raymond Queneau ist Butor fasziniert von der Formstrenge der französischen Tragödie. Andererseits ist er radikal experimentell: Die Geschichte ist fast durchweg in der Höflichkeitsform, der zweiten Person Plural („vous“), erzählt; zudem schichtet Butor die zeitlichen Ebenen zu einer komplexen Folge, ein Vorgehen, das bereits den zweiten Roman, „Der Zeitplan“ (1956), geprägt hatte. Vor allem jedoch sind die zwei Pole untrennbar: Butors Schreiben lässt sich mit dem Oxymoron eines experimentellen Klassizismus fassen. Kritik und Publikum gefiel es: Der Roman erhielt den Prix Renaudot und trug viel dazu bei, den Nouveau Roman bekannt zu machen; heute noch gilt er als dessen meistgelesener Roman.

Butors Leben war zu diesem Zeitpunkt unstet; er reiste nach Amerika, ins kulturelle Zentrum der Nachkriegszeit. Die Romanform hingegen gab Butor nach dem vierten, „Degrés“ („Stufen“, 1960), auf: Er schrieb fortan Kurzprosa, Essays und Lyrik. Einen wichtigen Teil zum umfangreichen Œuvre, von dem nur ein Bruchteil auf Deutsch vorliegt, steuern seine Reiseerfahrungen bei: In Bänden, die Butor „Le Génie du lieu“ („Der Geist des Ortes“) nennt, versucht er, Orte als kollektive Kunstwerke zu begreifen, deren Bedeutungsschichten er erkundet.

„Die Zeit wird erlebt wie etwas, das man ausscheidet“

Auf einer Reise in die Schweiz traf Butor Marie-Jo Mas, die er 1958 heiratete; sie bekamen vier Töchter und lebten bis zu Marie-Jos Tod 2010 zusammen. Beruflich war es schwieriger: Butor wechselte zwischen Verlag und Lehre, kam trotz eines Intermezzos in Nizza nicht unter. Erst der Ruf auf einen Lehrstuhl in Genf 1974 befreite ihn von seinen Sorgen; dort unterrichtete er bis 1991. Zum Ruhestand zog Butor 1989 in das Dorf Lucinges in den französischen Alpen. Mit seiner Frau zog er weiter durch die Welt, fotografierte und schrieb – so kam es 2011 zu einer doppelten Butor-Ausstellung von Indien-Fotos und -Texten.

Diese Form der Kooperation ist typisch: Butor hat oft mit Photographen und Künstlern zusammengearbeitet oder über Künstler vergangener Zeiten wie Claude Lorrain oder Beethoven geschrieben. Zugleich – auch das ist typisch – reflektiert er das Zusammenwirken der Künste, etwa in dem Band „Die Wörter in der Malerei“, der das Verhältnis von Bild und Schrift erforscht. Butors Texte sind unprätentiös: Sie widmen sich einfachen Themen, hier Titeln von oder Schriftzügen in Gemälden, untersuchen ihre Funktion, zeigen ihre Bedeutung. Ab und an blitzen brillante Formulierungen auf: „Der Akt des Lesen muss in einer noblen Faulheit vollzogen werden“, heißt es in den „Improvisationen über Flaubert“.

Mit Abschluss seiner Karriere als Romancier verschwand Butor aus der Öffentlichkeit. Am Ende seines Lebens aber hat der Literaturbetrieb ihm die Ehre erwiesen: eine Ausstellung in der Bibliothèque nationale de France, eine zwölfbändige Werkausgabe, der Grand Prix de littérature der Académie française fürs Lebenswerk. Wie quicklebendig und abgründig der Geehrte blieb, hat er noch 2012 in dem Band „Neueste Texte – 37 Gedichte“ bewiesen, in dem er das Motiv der Hölle erforschte – und wohl das eigene Lebensende befragte. Der flüchtigen Lebenszeit hat er einmal in einem Interview nachgespürt und den bemerkenswerten Satz geprägt: „Die Zeit wird erlebt wie etwas, das man ausscheidet.“ Am Mittwoch ist Butor im Alter von 89 Jahren in Contamine-sur-Arve gestorben.

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