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W.S. Merwin 2011 in Honolulu Bild: AP

Zum Tod von W.S. Merwin : Mut zum Irrtum

Wer im Alter zwischen sechzehn und zwanzig nicht riskiere, einen Narren aus sich zu machen, werde vermutlich kein Schriftsteller mehr, sagte W.S. Merwin. Jetzt ist der vielfach preisgekrönte Dichter gestorben.

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          Experimentelle Lyrik lag William Stanley Merwin fern. Sie erfinde mehr, meinte der amerikanische Poet, als sie benötige. Gedichte schreibe man auch nicht, weil es regne oder man ein Gedicht veröffentlichen wolle, sondern um eine Erfahrung sprachlich wiederherzustellen („remake“). Er hasse Gedichte, die nur Literatur seien. Einer ästhetischen Bewegung fühlte er sich nicht zugehörig, den Glauben, nur Originelles sei etwas wert, teile er nicht. Theorien waren nicht nach seinem Geschmack, er zitierte Balzac, dass ein Maler über Bilder nur nachdenken solle, wenn er einen Pinsel in der Hand halte. Und das Schreiben gar zu unterrichten, hielt er für einen Irrweg, weil es die Risiken zu vermeiden suche, die darin liegen, selbst herauszufinden, was Sprache ist. Wer im Alter zwischen sechzehn und zwanzig nicht riskiere, einen Narren aus sich zu machen, werde vermutlich kein Schriftsteller mehr. 

          Der Dichter W.S. Merwin – W.S. wie eine Kreuzung von T.S. (Eliot) und W.H. (Auden) - war ein praktischer Mensch. 1927 in New York geboren, begann er früh mit dem Schreiben von Gedichten: Hymnen für seinen Vater, einen presbyterianischen Pfarrer. Seine Kindheit, die er 2005 in „Summer Doorways“ schilderte, war von einer harschen Erziehung und viel Unverständnis geprägt. Während seines Studiums in Princeton, das er, wie Universitäten überhaupt, nicht mochte – zu viel gegenseitiges Schulterklopfen, zu hohe Meinung von sich selbst - kümmerte er sich mehr um Übersetzungen der Lyrik Frederico Garcia Lorcas und um die universitätseigenen Polo-Ponies als um Seminare. Immerhin hatte er dort Lehrer, die das verstanden. Später wird er einem, John Berryman, diese Zeilen widmen: „Verlier nicht deine Arroganz sagte er / das kannst du später immer noch / verlierst du sie zu früh dann wirst du / sie vielleicht nur durch Eitelkeit ersetzen“.

          Merwin schlug sich zunächst als Hauslehrer durch, später lebte er vor allem als Übersetzer aus dem Französischen und Spanischen, aber auch griechische, italienische, russische, japanische, indische und vietnamesische Poeten finden sich unter seinen Arbeitsproben. 1952 erscheint sein erster Gedichtband, „Eine Maske für Janus“. Man erkannte den Einfluss Ezra Pounds darin, einen Sinn für mythische Zitate und Argumente mittels Bildern. 1954 zieht er in einen heruntergekommenen Bauernhof im Südwesten Frankreichs, wo er sich 25 Jahre lang immer wieder aufhalten wird, dazwischen aber auch in New York, Arizona, New Mexico, London, um sich schließlich 1976 auf Maui (Hawaii) niederzulassen, wo der Verehrer Henry Thoreaus eine ehemalige „verananaste“ Plantagenödnis wieder in einen Garten unglaublicher biologischer Diversität verwandelte. Damals war Merwin durch seine Gedichte längst eine Leitfigur der amerikanischen Umweltbewegung geworden. Sieht man von Ted Hughes ab, dürfte es im zwanzigsten Jahrhundert kaum einen Lyriker gegeben haben, der so insistent über den Eindruck geschrieben hat, den Tiere, Pflanzen und Habitate auf ihn machten. „Als ich klein war und still blieb / kamen einige Tiere / jedes Mal neue / und warteten da neben mir / und aßen die ganze Nacht über die Schwärze.“

          Ein lyrisches Gespräch über Natur war für Merwin dabei insofern politisch, als nicht wir aus einem Garten vertrieben worden sind, sondern wir aus einem Garten vertreiben. Dem grauen Wal im Gedicht „For a Coming Extiction“ wird mitgegeben, „jetzt, da wir dich ins Jenseits schicken“, dort zu vermelden, dass wir, die wir ihm beim Aussterben folgen werden, an einem anderen Tag geschaffen wurden und wir es sind, die wichtig sind, nicht Seekühe, Gorillas und Riesenalke. Von den Insekten heißt es in einem anderen Gedicht, dass sie „nicht wichtig sind, sie sind alles“ und außerdem „die Zungen der Zukunft“, weil in ihrem Vokabular Gebäude als Nahrung beschrieben werden.

          W.S. Merwin war ein hochdekorierter Dichter, er gewann an Preisen so gut wie alles, was Lyriker gewinnen können, nur den Nobelpreis nicht. Auf Deutsch liegen von ihm zwei Bände mit Gedichten vor: „Der Schatten des Sirius“ und „Nach den Libellen“. Am 15. März ist der Dichter im Alter von 91 Jahren auf Maui entschlafen.

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