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Zum Tod von Philippe Jaccottet : Das Unbegrenzte innerhalb der Grenzen

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Philippe Jaccottet in seinem französischen Wohnort Grignan Bild: ddp/B. Cannarsa/Opale/Leemage

Der französischen Lyrik schenkte dieser Schweizer Dichter seine Ironie, und er war ein Vermittler der deutschen Literatur: Zum Tod von Philippe Jaccottet.

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          Er war der letzte ganz Große einer Gruppe von Großen. Philippe Jaccottet gehörte einem Kreis an, dem man Francis Ponge (1899 bis 1988), Yves Bonnefoy (1923 bis 2016) und Jacques Réda (geboren 1929) zurechnen muss: Es ist die Nachkriegsgeneration der französischsprachigen Lyrik, die sich durch bescheidene Sachlichkeit und ironische Emotionalität auszeichnet. Kritische Auseinandersetzung mit dem Absoluten, Hinwendung zu Alltäglich-Elementarem und ein neugieriges Tasten der Dichtung in Richtung Prosa, Tagebuch, Essay oder Kunst-Reflexion – so die bescheidene Grundhaltung, in der Lyrik, Philosophie, Malerei und Lebenswelt verschränkt sind. Man täusche sich nicht: Der Fokus auf „die kleinste menschliche Geste“ („Sonnenflecken, Schattenflecken“, 2013) hat grandiose Dichtkunst hervorgebracht, die leider in der öffentlichen Wahrnehmung eine nur kleine Rolle spielt.

          Jaccottet wurde am 30.Juni 1925 im schweizerischen Moudon (Waadtland) geboren. Er studierte in Lausanne, machte Halt im kulturellen Durchlauferhitzer Paris und lebte seit 1953 mit seiner Frau, der Malerin Anne-Marie Haesler, im Dorf Grignan (Drôme). Seine Dichterexistenz ließ er mit diesem Jahr einsetzen, mit „L’Effraie“ („Die Schleiereule“); dem voraus gingen zwei durch die Theaterpraxis geprägte Sammlungen, deren Deklamatorik Jaccottet nicht gelten ließ. Das ist nun die offizielle Lesart, denn durch eine Pléiade-Ausgabe (2014) zu Lebzeiten (eine seltene Ehre) konnte der Dichter mittels Textauswahl sein Bild für die Nachwelt festlegen.

          Sein Brotberuf umfasste Artikel für die „Nouvelle Revue française“, Übersetzungen, Anthologien und derlei; mitunter nahm er überhand. Er machte Jaccottet aber auch zu einem preisgekrönten Vermittler deutschsprachiger Literatur (darunter Goethe, Rilke, Musil, Thomas Mann); Autoren wie Hölderlin oder Kafka war er darüber hinaus eng verbunden. Zu nennen sind zudem die Übersetzung der „Odyssee“ und die Übertragung von Giuseppe Ungaretti, mit dem Jaccottet seit einer Italien-Reise 1946 befreundet war. Sein Zugang zur Übersetzung war intuitiv, Jaccottet misstraute Konzeptualisierungen allgemein: „Seuchenartige Ausbreitung der Theorien“, notierte er 1967 in einem theorieverliebten Jahrzehnt. Seine eigenen Übersetzer ins Deutsche waren prominent: zuerst Friedhelm Kemp, von den späten neunziger Jahren an bis zuletzt Elisabeth Edl und Wolfgang Matz.

          Auf den Tod hatte er sich vorbereitet, seit langem

          Das Entscheidende jedoch ist die Dichtung, die Jaccottet fern der Pariser Debatten entwickelte. Jahrelang verehrte man die scheinbare Mühelosigkeit, die luftige Diesseitigkeit von Jaccottets Gedichten, die sich gern Vögeln, Pflanzen, Landschaften oder Wolken zuwenden. Das Alterswerk macht die Bedeutung einer diskreten Auseinandersetzung mit dem metaphysischen und religiösen Erbe unübersehbar: Bei genauem Hinsehen freilich spricht bereits „Die Schleiereule“, das Eröffnungsgedicht der ersten Sammlung, von Unterwelt und körperlichem Verfall. Jaccottet interessiert die „Ausstrahlung eines „Jenseits“ im „Diesseits“, eines „Unbegrenzten innerhalb von Grenzen, durchlässig geworden dank einer Art Ablenkung“, wie er über das chinesische Denken in „Die wenigen Geräusche“ (2008) schreibt.

          Unstrittig ist der lebenslange Kampf gegen aufdringliche Rhetorik. „Wie kann man Wörter auf die Probe stellen“, fragte er 1964 – und setzte damit beiläufig einen Imperativ. Diesbezüglich genügten ihm eigene Texte oft nicht: „man hätte es auf weniger ‚lyrische‘, auch weniger ‚rhetorische‘ Art sagen müssen“, notierte Jaccottet am 7.Juli 1974 über die „Gesänge von drunten“, die einen Monat später erschienen. Konkret meinte er, man solle sich die „Verwendung von ‚großen‘ Worten – Abgrund, Wahn, Ekstase – wie auch, aber das weiß man schon lange, von ‚poetischen‘“ verbieten; er bewunderte Mandelstam, der „die einfachsten, härtesten Worte“ gefunden habe. Das war eher ein Fluchtpunkt, denn seine Poesie wirkt wie in sanftem Strömen begriffen: „Parzellen von Energie“ statt Formeln. Die Suche führte vom Vers weg: Nach „Gedanken unter den Wolken“ (1977) mischte er Poesie und Prosa; letztere umfasste Tagebucheinträge, Reise- und Traumnotizen sowie Gedanken zu Giorgio Morandis Kunst.

          Auf den Tod hatte er sich vorbereitet, seit langem; einschneidend war derjenige seines Schwiegervaters 1966, den Jaccottet auf erschütternde Weise beschrieben hat. Seitdem hat sich der große Leopardi-Leser mit der tickenden Uhr auseinandergesetzt, und seine letzten Texte nehmen spürbar Abschied. In hohem Alter hat Jaccottet nun das „Gebet der Sterbenden: Gesumm // schwarzer Bienen“ angestimmt. Am Mittwoch ist er fünfundneunzigjährig in seinem französischen Wohnort Grignan gestorben.

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