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Zum Tod von Ror Wolf : Direktor der Wirklichkeitsfabrik

  • -Aktualisiert am

Ror Wolf im Jahr 2003 Bild: Barbara Klemm

„Hier sieht man mich nicht wieder“: Zum Tod des Autors, Enzyklopädisten und großen Collagenkünstlers Ror Wolf.

          4 Min.

          Der Tod ist mir verhältnismäßig gleichgültig, ich glaube nicht an den Tod, jedenfalls nicht an einen mich betreffenden Tod. Und den Lesern ist es vermutlich gleichgültig, was ich glaube. Es hat also keinen Sinn, sich über den Tod Gedanken zu machen.“ So steht es unter dem Lemma „Tod“ in Ror Wolfs „Raoul Tranchirers Notizen aus dem zerschnetzelten Leben“, dem siebten und letzten Band seiner einzigartigen „Enzyklopädie für unerschrockene Leser“.

          Am 17. Februar ist Ror Wolf gestorben. Über den Tod dieses großen Künstlers und Freundes mache ich mir weniger Gedanken, als dass er mich in meinen Grundfesten trifft. Doch ist diesem Tod ein Werk von überragender Schönheit, Grandezza und ästhetischer Raffinesse entgegenzuhalten, das in Romanen, Gedichten, Hörspielen, Prosatexten von aphoristischer Paradoxie und Bild-Collagen Seh- und Lesestoff bis ans Ende des eigenen Lebens bereithält. Ror Wolfs Gesamtwerk erscheint im Verlag Schöffling & Co.

          Collagenbastler

          Mit Veröffentlichungen von Collagen in der Frankfurter Studentenzeitschrift „Diskus“ fing es für den 1932 im thüringischen Saalfeld geborenen Wolf 1958 an. Bis zu seinem Tod hat er Collagen gebastelt, die ihm aber als alleiniges Medium der Welterkundung bald schon nicht mehr genügten, denn mit einem Mal holte er groß aus und schenkte uns in neobarock-idealistischer Titulier- und enzyklopädischer Aufklärungsmanier die Sammlung „Dem Wahren Schönen Guten allerlei Nuetzliches fuer all- und sonntags mit kleinen Winken die große Kosten ersparen sowie Erbauliches fuer festliche Stunden unserer hochverehrten Leserschaft ausgewaehlt und zusammengestellt von Raul Tranchirer“. Da war er zum ersten Mal, der Collagen-Prosaist und Prosa-Collagist, wenn auch noch ohne „o“ nach dem „a“: Raoul Tranchirer, Ror Wolfs unermüdlich aus der Welt berichtendes Alter Ego, das uns von da an mit allerlei nützlichen und rettenden Bild- und Textmaßnahmen versorgte.

          Ror Wolfs Welten 9. Kleine Spaziergänge
          Ror Wolfs Welten 9. Kleine Spaziergänge : Bild: Ror Wolf

          In Anbetracht des mit der Nagelschere feinsäuberlich und die Schnittkanten verbergend aus großen medizinischen, geologischen oder technischen Enzyklopädien des 18., 19. und 20. Jahrhunderts Herausgeschnittenen und von Ror Wolf alias Raoul Tranchirer zu Collagen neu Angeordneten wird die Frage nach Teil und Ganzem auf besondere Weise virulent. Der besondere Reiz besteht ja darin, dass die Bild- und Text-Collagen als Ganzes funktionieren, obwohl sie physikalisch unwahrscheinlich sind. Funktionieren soll auch heißen, sie wirken attraktiv oder schön auf uns, auch wenn sie abstoßend sein können. Zu sehen sind bloßgestellte Körper und ihre inneren Organe, die auch schon mal allein in der Welt unterwegs sind, wie das Herz in vulkanöser Landschaft, und ein Gewichtheber wird es bald zu stemmen haben, oder der Mund mit Zunge, Lippen und Zähnen, den es in eine Welt vielgestaltiger Korallen versetzt hat, oder die botanische Vulva im beziehungsweise als Gesicht einer federtiergeschmückten Frauenfigur. Das Wolfsche Tier- und Menschenleben ist ein solches der Hybride, der Mischwesen.

          „Wirklichkeitsfabrik“ heißt das ästhetische Schlüsselwort dieser Art der Bild- und Text- als Weltproduktion. Wirklichkeit wird hier mit den Mitteln der Collage in Text und Bild hergestellt. Die „Wirklichkeitsfabrik“ hält der Welt ihre eigenen Bilder vor. In einer Fabrik sollte es geordnet zugehen, und das tut es in der „Enzyklopädie für unerschrockene Leser“ auch, die von den antiken und bürgerlichen Enzyklopädien die Wissensordnung und von der Literatur des 18. Jahrhunderts und der bildenden Kunst in Analogie zur bürgerlichen Pädagogik und Ästhetik des Guckkastens und des Fensterblicks die Rahmung des Ausschnitthaften mit ihren Maßgaben des begrenzten Umfangs, der Übersichtlichkeit und der geschlossenen Form übernommen hat. Die stabile Instabilität, die aus dem Wechselspiel der Stabilität historisch etablierter Formgebungen und medial präfigurierter Wahrnehmungen sowie der Instabilität physikalisch, geologisch oder biologisch unmöglicher Wirklichkeitsgefüge resultiert, macht das Vertraute unheimlich und das Unheimliche vertraut.

          Das große Thema: Die zerfallende Welt

          Ordnung ist ein instabiler Zustand, den Unordnung stets bedroht. Ununterbrochen verweisen diese Zustände aufeinander, jeder als Abweichung vom anderen. Und so nimmt es kein Wunder, dass Ror Wolf sich für Bücher und Filme mit Vampiren und Zombies genauso interessierte wie für Western und Krimis sowie verschiedene andere Genres, deren zum Teil gutbürgerliche Welt plötzlich in eine ansprechende Schieflage gerät.

          Ror Wolfs gereimte Welten 10. Hans Waldmanns letztes Abenteuer
          Ror Wolfs gereimte Welten 10. Hans Waldmanns letztes Abenteuer : Bild: Ror Wolf

          Das große Thema des Wolfschen Kosmos ist das Zerfallen der Welt mitsamt der in ihr befindlichen Körper und ihre scheinbar übergangslose Neubegründung. In seiner Kunst hat Ror Wolf den Tod überwunden, er kann seinen Figuren nichts anhaben, die plötzlich verschwinden und an anderen Orten wieder auftauchen. Was wäre die Welt ohne Hans Waldmann, Doktor Pfeifer, Pilzer und Pelzer, Herr Q, Collunder, Klomm, Krogge, Lemm, Masal, Mauch, Moll, Nagelschmitz, Ramm, Scheizhofer oder Wobser? Sie wäre um ein apokalyptisches Kuriositätenkabinett ärmer, das uns über die Medien Wort und Bild eine Distanz zu den dargestellten Ereignissen ermöglicht, die uns den Abgrund ertragen lässt in der Annahme, uns auf gesichertem Gelände zu befinden. Ror Wolfs Kunst schafft dieses Distanzierungsmoment der „Selbst-Entlastung“ (Hans Blumenberg) von existenzieller Angst, indem sie das Unbegreifliche und Enigmatische erzählbar macht, ihm einen Namen gibt. Solchermaßen liegt Ror Wolfs Literatur ein mythopoetisches Verfahren zugrunde, das Furcht und Schrecken per distans in Genuss wandeln kann.

          Ror Wolfs gereimte Welten 9. Am oberen Rand des Topfes
          Ror Wolfs gereimte Welten 9. Am oberen Rand des Topfes : Bild: Ror Wolf

          Seine Erzählwelten machen das Kontingente, den Zufall, das Unwahrscheinliche, aber auch das völlig Belanglose zum Fundament einer imaginären Seins- als Lese-, Seh- und Hörerfahrung. Die gewaltigen Potentiale und die Potentiale der Gewalt von Ror Wolfs Kunst des versetzten Realismus lassen sehr traurig viel lachen. Weil die Kunst Ror Wolfs uns phänomenologisch zurückwirft auf unsere eigene Defizienz. Weil unser Leben verrauscht, ob wir träumen oder wachen. Weil wir ständig in irgendwas hängenbleiben. Wir sind nun mal in der Welt, und Ror Wolf zeigt uns die Konsequenzen. Da wäre es nur konsequent, gleich mit dem Lesen und Neulesen von Ror Wolfs Büchern zu beginnen – und zwar mit „Fortsetzung des Berichts“, dem 1964 erschienenen ersten Roman des Autors, der eine im deutschen Sprachraum bis dahin nicht gekannte metaleptisch verschlungene Erzählkunst präsentiert, voller gewaltiger Beschreibungen und Beschreibungen von Gewalt, ein Vaterbuch auch, das Ror Wolf bereits auf der Höhe seiner nicht nur für die deutschsprachige Literatur so unabdingbaren Erzählkunst zeigt.

          War er nicht selbst dieser Hans Waldmann aus dessen Abenteuer-Gedichten? Dann lesen sich die Schlusszeilen des Gedichtes „gesang“ aus „Hans Waldmanns Abenteuer. Erste Folge“ hoffnungsschimmernd mit einem Mal ganz anders: „waldmann sagt: hier sieht man mich nicht wieder./ und er singt woanders seine lieder.“

          Michael Lentz ist Schriftsteller und lehrt am Deutschen Literaturinstitut Leipzig.

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