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Zum Tod von Ror Wolf : Direktor der Wirklichkeitsfabrik

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„Wirklichkeitsfabrik“ heißt das ästhetische Schlüsselwort dieser Art der Bild- und Text- als Weltproduktion. Wirklichkeit wird hier mit den Mitteln der Collage in Text und Bild hergestellt. Die „Wirklichkeitsfabrik“ hält der Welt ihre eigenen Bilder vor. In einer Fabrik sollte es geordnet zugehen, und das tut es in der „Enzyklopädie für unerschrockene Leser“ auch, die von den antiken und bürgerlichen Enzyklopädien die Wissensordnung und von der Literatur des 18. Jahrhunderts und der bildenden Kunst in Analogie zur bürgerlichen Pädagogik und Ästhetik des Guckkastens und des Fensterblicks die Rahmung des Ausschnitthaften mit ihren Maßgaben des begrenzten Umfangs, der Übersichtlichkeit und der geschlossenen Form übernommen hat. Die stabile Instabilität, die aus dem Wechselspiel der Stabilität historisch etablierter Formgebungen und medial präfigurierter Wahrnehmungen sowie der Instabilität physikalisch, geologisch oder biologisch unmöglicher Wirklichkeitsgefüge resultiert, macht das Vertraute unheimlich und das Unheimliche vertraut.

Das große Thema: Die zerfallende Welt

Ordnung ist ein instabiler Zustand, den Unordnung stets bedroht. Ununterbrochen verweisen diese Zustände aufeinander, jeder als Abweichung vom anderen. Und so nimmt es kein Wunder, dass Ror Wolf sich für Bücher und Filme mit Vampiren und Zombies genauso interessierte wie für Western und Krimis sowie verschiedene andere Genres, deren zum Teil gutbürgerliche Welt plötzlich in eine ansprechende Schieflage gerät.

Ror Wolfs gereimte Welten 10. Hans Waldmanns letztes Abenteuer
Ror Wolfs gereimte Welten 10. Hans Waldmanns letztes Abenteuer : Bild: Ror Wolf

Das große Thema des Wolfschen Kosmos ist das Zerfallen der Welt mitsamt der in ihr befindlichen Körper und ihre scheinbar übergangslose Neubegründung. In seiner Kunst hat Ror Wolf den Tod überwunden, er kann seinen Figuren nichts anhaben, die plötzlich verschwinden und an anderen Orten wieder auftauchen. Was wäre die Welt ohne Hans Waldmann, Doktor Pfeifer, Pilzer und Pelzer, Herr Q, Collunder, Klomm, Krogge, Lemm, Masal, Mauch, Moll, Nagelschmitz, Ramm, Scheizhofer oder Wobser? Sie wäre um ein apokalyptisches Kuriositätenkabinett ärmer, das uns über die Medien Wort und Bild eine Distanz zu den dargestellten Ereignissen ermöglicht, die uns den Abgrund ertragen lässt in der Annahme, uns auf gesichertem Gelände zu befinden. Ror Wolfs Kunst schafft dieses Distanzierungsmoment der „Selbst-Entlastung“ (Hans Blumenberg) von existenzieller Angst, indem sie das Unbegreifliche und Enigmatische erzählbar macht, ihm einen Namen gibt. Solchermaßen liegt Ror Wolfs Literatur ein mythopoetisches Verfahren zugrunde, das Furcht und Schrecken per distans in Genuss wandeln kann.

Ror Wolfs gereimte Welten 9. Am oberen Rand des Topfes
Ror Wolfs gereimte Welten 9. Am oberen Rand des Topfes : Bild: Ror Wolf

Seine Erzählwelten machen das Kontingente, den Zufall, das Unwahrscheinliche, aber auch das völlig Belanglose zum Fundament einer imaginären Seins- als Lese-, Seh- und Hörerfahrung. Die gewaltigen Potentiale und die Potentiale der Gewalt von Ror Wolfs Kunst des versetzten Realismus lassen sehr traurig viel lachen. Weil die Kunst Ror Wolfs uns phänomenologisch zurückwirft auf unsere eigene Defizienz. Weil unser Leben verrauscht, ob wir träumen oder wachen. Weil wir ständig in irgendwas hängenbleiben. Wir sind nun mal in der Welt, und Ror Wolf zeigt uns die Konsequenzen. Da wäre es nur konsequent, gleich mit dem Lesen und Neulesen von Ror Wolfs Büchern zu beginnen – und zwar mit „Fortsetzung des Berichts“, dem 1964 erschienenen ersten Roman des Autors, der eine im deutschen Sprachraum bis dahin nicht gekannte metaleptisch verschlungene Erzählkunst präsentiert, voller gewaltiger Beschreibungen und Beschreibungen von Gewalt, ein Vaterbuch auch, das Ror Wolf bereits auf der Höhe seiner nicht nur für die deutschsprachige Literatur so unabdingbaren Erzählkunst zeigt.

War er nicht selbst dieser Hans Waldmann aus dessen Abenteuer-Gedichten? Dann lesen sich die Schlusszeilen des Gedichtes „gesang“ aus „Hans Waldmanns Abenteuer. Erste Folge“ hoffnungsschimmernd mit einem Mal ganz anders: „waldmann sagt: hier sieht man mich nicht wieder./ und er singt woanders seine lieder.“

Michael Lentz ist Schriftsteller und lehrt am Deutschen Literaturinstitut Leipzig.

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