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Zum Tod des Bilderbuchautors Maurice Sendak : Meine Eltern, diese Monster

Sein bekanntestes Werk: Maurice Sendaks „Wo die wilden Kerle wohnen“ Bild: Diogenes

Er wusste, dass man Kinder nicht vor dem Leben schützen kann. Mit einigem Recht kann man ihn den bedeutendsten Bilderbuchautor unserer Zeit nennen. Zum Tod Maurice Sendaks.

          3 Min.

          Natürlich konnte er auch anders, und auch da war er großartig: In einer Serie von Kinderbüchern, die er zwischen 1957 und 1968 zu Texten von Else Holmelund Minarik illustrierte, schickt Maurice Sendak einen kuscheligen kleinen Bären durch eine wohlgeordnete Welt ohne Trübsal, deren Dekor schon damals der Vergangenheit angehörte. Oder er ließ in dem meisterlichen Miniaturbuch „Sarahs Zimmer“ von Doris Orgel ein vorwitziges Mädchen derart bezaubernd den eigentlich verschlossenen Raum ihrer älteren Schwester entern, dass diese gar nicht anders kann, als sich anschließend bei den Eltern für die Jüngere in die Bresche zu werfen - auch sie bekommt am Ende eine Waldtapete für ihr eigenes Kinderzimmer, und wie Sendak diese Vorlage nutzt, um die geheimnisvolle bunte Wand als Eingangstor für ein fortdauerndes Abenteuer zu malen, verfehlt seine Wirkung nicht.

          Maurice Sendak im September 2011
          Maurice Sendak im September 2011 : Bild: Mary Altaffer/AP/dapd
          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Aber auch wenn es mitunter unerwartet friedlich zugeht in seinen Büchern - Niedlichkeit war seine Sache nicht. Und als sich der Sohn polnisch-jüdischer Emigranten, der 1928 in Brooklyn geboren wurde, knapp sechzig Jahre später in einer Rede an seine künstlerischen Ursprünge erinnerte, zeichnete er ein wenig versöhnliches, dafür aber umso schlüssigeres Bild der Atmosphäre, in der er aufgewachsen ist: „Vor kurzem habe ich über die Monster nachgedacht, die mich in meiner Kindheit so sehr erschreckt haben, dass sie mich dazu brachten, ein Künstler zu werden. Ich kann nur einige von ihnen benennen: natürlich meine Eltern. Der Staubsauger, der mich noch immer mit Schrecken erfüllt. Meine Schwester. Die Lindbergh-Entführung. Und schließlich die Schule, die ich mit einem verzweifelten Abscheu ertrug.“

          Ein Schnuller für den Vampir

          All dies kehrt in seinen Bilderbüchern wieder: die Mutter so gut wie ein Irrlicht des 1932 entführten und später ermordeten Sohns von Charles Lindbergh, und die Welt, wie Sendak sie vor allem in den Büchern dargestellt hat, bei denen er Bild und Text verantwortet, bietet keine Sicherheit und selten Schutz.

          Wo die Angst gebannt werden soll, helfen Tusche, Papier, Zeichenstifte und Erfindungskraft: Maurice Sendak
          Wo die Angst gebannt werden soll, helfen Tusche, Papier, Zeichenstifte und Erfindungskraft: Maurice Sendak : Bild: AP/AP/dapd

          Da streift, ach was: fliegt ein Kind allein durch das mondbeschienene New York („In der Nachtküche“, 1970) und findet sich irgendwann in der Gewalt dreier Doppelgänger von Oliver Hardy wieder, die als Bäcker bei der Arbeit wenig Sinn für Störenfriede haben. Oder ein Säugling öffnet im Pop-up-Buch „Mommy“ von 2006 die Tür zu einer Gruft, nur um dort nacheinander Dracula, Frankensteins Monster, einer belebten Mumie und einem Werwolf zu begegnen, bevor er schließlich hinter einer Tür seine untote Mutter entdeckt. Allerdings weiß sich das Kind zu helfen: Der Vampir kriegt einen Schnuller verpasst, das Monster eine Schraube entfernt, die Mumie wird schwindlig gedreht und der Werwolf gekitzelt - und alle, alle geben für den Moment Frieden.

          Man kann Kinder nicht vor dem Leben schützen

          Sonderlich beliebt machte sich Sendak mit solchen Büchern bei einem Teil der Elternschaft nie, und gerade in den Anfängen seiner Karriere traf er auf einen Kinderbuchmarkt, der nicht einmal entfernt offen war für diesen Ausnahmekünstler. Sendak hat sich bis zuletzt wütend, resigniert oder zunehmend gallig mit den Vorstellungen besorgter Eltern oder Schulbibliothekare auseinandergesetzt, die auf einem seiner mittlerweile weltberühmten Bilder einen nackten Penis überklebten oder über die ungeheure Wildheit seiner Welt lamentierten.

          Nur keine Angst: Sendaks „In der Nachtküche“ aus dem Jahr 1970
          Nur keine Angst: Sendaks „In der Nachtküche“ aus dem Jahr 1970 : Bild: Diogenes

          „Wir Kinderbuchautoren sollen Kinder schützen“, sagte er in einem Interview, „während sie andererseits von niemandem sonst beschützt werden. Niemand bewahrt sie vor dem grausamen Fernsehen. Niemand schützt sie vor dem Leben, weil man vor dem Leben nicht beschützen kann.“ Was bleibt da noch? Mit einem „glaubwürdigen Buch“, sagte Sendak weiter, könne man aber Kindern immerhin „etwas über das Leben erzählen. Was sollte daran falsch sein? Sie wissen es ohnehin.“

          Vielleicht ist es das, was von ihm bleibt

          Was aber erzählt sein bedeutendstes und mit knapp zwanzig Millionen Exemplaren meistverbreitetes Buch „Wo die wilden Kerle wohnen“ über das Leben? Sendaks 1963 erschienenes Meisterwerk, das mit 332 Worten und achtzehn Bildern auskommt, schildert die Abenteuerreise eines Jungen, der - ohne Abendbrot in sein Zimmer geschickt - aus seinem Exil eine ganze Welt macht und selbst die Wilden Kerle, die er am Ende einer langen Seefahrt ganz allein antrifft, mit einem Trick zähmt: Er schaut ihnen in die Augen, ohne zu blinzeln. Und sie nennen ihn dafür „den wildesten Kerl von allen“.

          Vielleicht ist es das, was von ihm bleibt: der unbeirrte Blick auf das, was Angst macht. Die offenen Augen für Mütter, Schwestern, die gehasste Schule und die Furcht davor, selbst Opfer einer Entführung zu werden. Und das Vermögen, daraus große Kunst zu formen.

          Sendak, der Adalbert Stifter, Hans Christian Andersen und Winsor McCay verehrte, der mit Preisen überhäuft wurde und den man mit einigem Recht den bedeutendsten Bilderbuchkünstler unserer Zeit nennen kann, starb an diesem Dienstag in Connecticut.

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