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Zum Tod des Autors Yoram Kaniuk : Eine Ausnahme in seiner Generation

Yoram Kaniuk (2. Mai 1930 bis 8. Juni 2013) Bild: Reuters

Mit dem Roman „Adam Hundesohn“ ist Yoram Kaniuk 1989 in Deutschland berühmt geworden, 2008 frischte die Verfilmung diesen Ruhm international wieder auf. Jetzt ist der israelische Schriftsteller im Alter von dreiundachtzig Jahren gestorben.

          Dass es Yoram Kaniuk schlecht ging, dass er seit Jahren mit einer schweren Krankheit kämpfte, das wusste man spätestens, seit der Dokumentarfilm „The Big Eden“ nebenbei die Geschichte der Freundschaft zwischen dem Schriftsteller Kaniuk und dem Berliner Klubkönig Rolf Eden erzählt hatte. Beide waren gleich alt, 1930 geboren, aber der eine, Kaniuk, in Tel Aviv, der andere, Eden, in Berlin. Die jüdischen Eltern Edens waren klug genug, schon 1933 nach Palästina zu fliehen, und dort lernten sich die beiden jungen Männer kennen, die für den jungen Staat Israel kämpften. Im Alter rettete Eden dann Kaniuk das Leben, als er dem Freund dessen Krebsbehandlung finanzierte.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Kaniuk war als im Land selbst geborener israelischer Schriftsteller eine Ausnahme in seiner Generation, deren Künstler sich überwiegend aus vor dem Nationalsozialismus geflohenen europäischen Juden rekrutierten. Doch das Thema der Schoa trieb natürlich auch den mit einer Christin verheirateten Mann um. Sein bekanntester Roman, „Adam Hundesohn“, in Israel 1971 erschienen, auf Deutsch erst 1989, erzählt die furchtbare Geschichte eines jüdischen KZ-Häftlings, der auf Befehl eines Lagerkommandanten wie ein Hund lebt, um sich und seiner Familie das Überleben zu ermöglichen. Und doch ist es eine Siegergeschichte, denn der Mann überlebt tatsächlich, und das Buch zeigt ihn als Israeli, dessen Lebensweg ihn an eine einflussreiche Position gebracht hat. Kaniuk stärkte mit solchen Büchern das Selbstbewusstsein des Staates, für dessen Entstehen er als Siebzehnjähriger selbst zur Waffe gegriffen hatte (und schwer verwundet worden war). Entsprechend einflussreich war er als öffentlicher Intellektueller seines Landes.

          „Adam Hundesohn“ setzte ihn auch in Deutschland als eine der wichtigsten literarischen Stimmen durch, und als der Roman 2008 in den Vereinigten Staaten von dem bekannten Regisseur Paul Schrader verfilmt wurde, war das eine späte Genugtuung für Kaniuk, der zuvor eine literarische Durststrecke hatte erdulden müssen. Dadurch und dank des – wie man jetzt weiß, leider nur vorübergehenden – Siegs über seine Krankheit fand er die Energie, einen Roman zu schreiben, der sein eigenes Leben zum Gegenstand hat: Benannt nach dem Jahr, in dem Israel unabhängig wurde, ist „1948“ kurz vor seinem Tod auch auf Deutsch erschienen. Am 8. Juni ist Yoram Kaniuk gestorben. Vier Tage vor seinem Tod schrieb er noch seinen letzten Blog-Eintrag, seinen Körper wird er der Wissenschaft zu Forschungszwecken überlassen.

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