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Zum Tod von Christoph Meckel : Im Zentrum die Poesie

  • -Aktualisiert am

Christoph Meckel (1935 - 2020). Bild: dpa

Die Gedichte von Christoph Meckel waren geprägt vom Anstoß des gelebten Augenblicks. Er wusste, wie das wirkliche Gedicht geschaffen sein muss. Am Mittwoch ist der Schriftsteller und Grafiker im Alter von 84 Jahren gestorben.

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          Klein wie eine Zigarettenschachtel, doch viel, viel dünner ist der Gedichtband, mit dem ein herausfordernd dreinblickender junger Mann 1956 die Bühne betrat: sechzehn unpaginierte Seiten, mit Drahtklammern geheftet. Als Christoph Meckel sich viel später anschaute, was wir für die Publikation der „Gesammelten Gedichte“ zusammengetragen hatten, der Autor und sein Lektor, wählte der Achtzigjährige für den tausendseitigen Band den gleichen Titel wie für den prähistorischen Erstling: „Tarnkappe“. Kann man Anfang und Ende eines langen Künstlerlebens deutlicher verknüpfen? Und doch, zwei Jahre nach der poetischen Summe kam ein neuer Gedichtband, und sein Titel „Kein Anfang und kein Ende“ setzte wiederum ein Zeichen: Eine Schlussbilanz kann es für den Künstler nicht geben, solange er noch Künstler ist. Am Mittwoch ist Christoph Meckel, der Dichter und Grafiker, gestorben. Er wurde 84 Jahre alt.

          Am 12. Juni 1935 in Berlin geboren, ist Meckel immer ein Berliner Nachkriegskind geblieben, herausfordernd, respektlos, manchmal launenhaft, immer überschwänglich und von tiefer Herzlichkeit, doch sofort mit konzentriertem Ernst, wenn es um ein Manuskript ging. Die frühe Entscheidung für die Kunst hat er mit störrischem Eigensinn durchgehalten. Viele Jahre lebte er im südfranzösischen Rémuzat, Departement Drôme, unvergesslich beschrieben in „Ein unbekannter Mensch“. Und eine ganze Generation fand sich wieder in seiner berühmtesten Erzählung „Licht“, die eine tragische Liebesgeschichte so romantisch erzählt, dass man ihr bitteres Ende fast vergisst.

          Trotzdem, im Mittelpunkt seines Werkes stand die Poesie. Immer hatte der junge Meckel „die Taschen voller unveröffentlichter Gedichte“; aus einer beiläufigen Beobachtung, einem Eindruck, einem Gedanken wurden ein paar notierte Worte, ein Satz, schließlich der Anfang eines Verses. Ohne den Anstoß des gelebten Augenblicks sind die meisten Werke Meckels gar nicht vorstellbar – und ebenso wenig ohne seine Phantasie, seine Genauigkeit in der Gestaltung, die dann aus der Skizze erst das wirkliche Gedicht macht.

          Jetzt geht die Erinnerung zurück zu vielen Begegnungen, bei Lesungen, bei der Arbeit an dem engen, stets einzeilig getippten Schreibmaschinenskript, an die mit bunten Fischen, Vögeln oder huttragenden Männlein verzierten Briefe, an den Wind und den hohen Himmel über dem Cabanon in Rémuzat. Weltabgewandt war Meckel auch dort oben nie, im Gegenteil, seine Worte sind oft hart, bitter, und dass es so etwas wie ein abgeschlossenes Lebenswerk geben könne, hat er nie geglaubt. Schon in jenem ersten Bändchen stehen die Verse: „Der Regen meint es gut mit mir, / er geht auf dem Dach der Welt / in leisen Pantoffeln spazieren. / Aber der liebe Gott hat Siebenmeilenstiefel an / und übergeht die Jahre, in denen ich lebe.“ Nach einem langen Leben hat der liebe Gott ihn nun eingeholt. Salut, Christoph, alter Freund!

          Wolfgang Matz betreute Christoph Meckel als Lektor im Hanser-Verlag.

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