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Zum Tod Alfred Kolleritschs : Eine Stimme, die zur Stille führt

Bis zu seinem Tod hochaktiv: Alfred Kolleritsch 2015 am Schreibtisch in Graz. Bild: Picture-Alliance

Er war Mentor für viele, Herausgeber der Zeitschrift „manuskripte“ und Autor: Der Grazer Lyriker Alfred Kolleritsch ist mit 89 Jahren gestorben.

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          Er sei „kein Schriftsteller, der mit Fiktionen arbeiten kann“, so beschrieb Alfred Kolleritsch einmal in einem Gespräch mit Riki Winter sein poetisches Verfahren. Er beziehe sich schreibend auf seine Erlebnisse, dies aber nicht mit dem Anspruch eines Realisten, „der glaubt, er kann das, was er gesehen hat, abbilden.“ Es gehe ihm darum, diese Erfahrungen sich selbst zu erklären.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Was das bedeutet, führt der 1931 in der Südsteiermark als Sohn eines Forstverwalters geborene Autor am Beispiel seines ersten Romans „Die Pfirsichtöter“ aus, in dem er der Atmosphäre seiner Kindheit ein Denkmal setzt: Er habe für den Roman „das Modell der Trennung von Bleibendem und Vergehendem ganz sinnlich vor Augen gehabt, und alles von mir Erfahrene und Erlebte hat sich darin erschlossen.“

          Dass sich die Bedeutung dieser Perspektive, dieses Ordnungsprinzips für Kolleritsch keineswegs auf den Erstlingsroman erschöpft, teilt sich mit Blick auf seine Lyrik leicht mit. Noch sein letzter Lyrikband „Die Nacht des Sehens“, erschienen Anfang des Jahres bei Wallstein, fragt nach dem, „was nicht verschwindet“, und stellt beide Kategorien einander gegenüber, um sie bisweilen im Paradox – eine von Kolleritsch häufige benutzte Stilfigur – zu verschränken, etwa im „unvergänglichen Vergessen“.

          Ein begleitender Lernprozess

          Kolleritsch, der auf Lehramt studierte, seit 1958 in Leibnitz und seit 1963 am Akademischen Gymnasium Graz unterrichtete, arbeitete mit seinen Schülern gern mit Gedichten, auch mit Gegenwartslyrik, und registrierte wach, welchen Zugang ihnen die jeweiligen Texte eröffneten. Obwohl er schon als Jugendlicher mit dem Schreiben begonnen und als junger Mann auch aus eigenen Gedichten gelesen hatte, verstand er sich lange Zeit vor allem als Mentor für andere, etwa als Mitbegründer und Leiter der einflussreichen Grazer Künstlervereinigung „Forum Stadtpark“ und mit der 1960 gegründeten, dem Forum anfangs eng verbundenen Literaturzeitschrift „manuskripte“, die er bis zu seinem Tod herausgab.

          Einen „begleitenden Lernprozess“ für das eigene Schreiben nannte Kolleritsch rückblickend die Arbeit an der Zeitschrift, geschult sicherlich auch an der Notwendigkeit, zahlreiche Textangebote abzulehnen – wer auf diese Weise den eigenen kritischen Blick schult, wird ihn auch an die eigenen Texte anwenden müssen. Beeindruckend ist jedenfalls die Reihe derer, die Kolleritsch in der Zeitschrift publizierte: Oswald Wiener, Barbara Frischmuth und Ernst Jandl sind darunter, außerdem Peter Handke, der zu einem engen Freund wurde. Handke widmete Kolleritschs Lyrik einen liebevollen Aufsatz, in dem er die Sprache seines einstigen Mentors mit einem von dessen Begriffen als den „ausgeschlossenen Dritten“ charakterisiert, der den „Wanderer“, den Leser, mit sich nimmt und ihn dabei von allen anderen Stimmen, die unterwegs von außen wie von innen auf ihn eindringen, befreit – eine lyrische Stimme also, die zur Stille führt, und ein Paradox, das bestens in Kolleritschs Kosmos passt.

          Kolleritsch wurde vielfach ausgezeichnet, etwa mit dem Petrarca-Preis, dem Georg-Trakl-Preis oder dem Österrischischen Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst. In „Die Nacht des Sehens“ heißt es: „Jetzt kriechen die Farben / dem Nichts zu, / das Licht bleibt verklebt, / streng bestraft ist das Auge.“ Am Freitag ist er im Alter von 89 Jahren in Graz gestorben.

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