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Zum Tod des argentinischen Schriftstellers Fogwill : Der Mann ohne Vornamen

Argentiniens Spötter: Fogwill Bild: dpa

Bevor ihn mit neunundsechzig Jahren die Lungenkrankheit besiegte, hatte sich Fogwill im intellektuellen Betrieb von Buenos Aires unentbehrlich gemacht - als Dichter und Erzähler, als Spötter und Unterhalter.

          Er nannte sich Fogwill, ohne Vornamen, so stand es auf seinen Büchern. Sokrates und Hegel seien ja auch ohne Vornamen ausgekommen, pflegte er zu sagen. Rodolfo Enrique Fogwill, wie man ihn der Vollständigkeit halber einmal nennen muss, war ein glänzender Vermarkter seiner selbst und die schillerndste Figur der argentinischen Literaturszene der letzten Jahrzehnte. Vielleicht nicht der beste Schriftsteller von allen, aber andererseits viel besser, als er selbst in kunstvoller Untertreibung über sich sagte. Bevor ihn mit neunundsechzig Jahren die Lungenkrankheit besiegte, die der leidenschaftliche Raucher, Trinker und Drogenkonsument durchaus kommen sah, hatte er sich im intellektuellen Betrieb von Buenos Aires unentbehrlich gemacht und wird unersetzlich bleiben: als Kolumnist, Essayist, Dichter, Erzähler und Romanautor, als Spötter und selbstironischer Unterhalter.

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Sein Berufsweg lehrte Fogwill den bösen Blick auf das Argentinien der Militärjunta und einer immer wieder stolpernden Demokratie. Nach dem Studium von Medizin, Literatur, Mathematik und Gesang (er liebte Schuberts Lieder und hasste Rockmusik) wurde er Werbestratege und Marktanalyst, versuchte sich als Redakteur, Universitätsprofessor, Berater und Börsenspekulant. Von seinen vielen, meist auf seine Heimat bezogenen Büchern, die kaum je ins Deutsche übersetzt wurden, ließ er vor allem zwei Gedichtbände und drei Romane gelten, darunter auch das Werk, das zum Auftritt Argentiniens auf der Frankfurter Buchmesse erstmals auf Deutsch erscheint: „Die unterirdische Schlacht“.

          'Mama hat heute ein Schiff versenkt'

          Nach eigenen Worten kostete der 190 Seite starke Roman über den Falkland-Krieg den Autor nur drei Tage und etwas Kokain. Im Juni 1982, so seine Schilderung, habe seine Mutter ihm entgegengerufen: „Wir haben ein Schiff versenkt!“ Dann, so der Schriftsteller, „ging ich in mein Arbeitszimmer und schrieb den Satz: ,Mama hat heute ein Schiff versenkt.' Acht Stunden nach dem Versenken des Schiffes meiner Mutter schrieb ich schon an dem Buch.“ Die Anekdote ist nicht nur hübsch, sie fasst in einem unschuldigen Bild die großsprecherische Propaganda der Militärregierung zusammen, die ihre bröckelnde Macht durch die patriotische Anstrengung eines ganzes Landes zu sichern versuchte. Triumphe wurden erfunden, Kriegsopfer verschwiegen.

          Lange bevor das Ausmaß der offiziösen Verzerrung bekannt wurde, schrieb Fogwill in jenen Junitagen nicht etwa das klassische Antikriegsbuch, sondern betrieb eine Subversion ganz eigener Art. Seine Hauptfiguren sind Deserteure - genannt „pichis“, Maulwürfe -, die sich eingebuddelt haben, um nachts mit den britischen Feinden schwunghaften Handel zu treiben. Der Soldat als patriotismusresistenter Händler durchschaut alle Lügen, die das ferne Imperium verbreiten mag. Das dreckige Dutzend hat nur eins im Kopf, nämlich Bomben, Kälte und Schneematsch mit heiler Haut zu überstehen. Was von all dem nationalen Getöse übrigbleibt, so Fogwills Erkenntnis, ist Marktwirtschaft.

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