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Zum Tod von Eva Hesse : Sie wusste stets, was gemeint war

Belesene Exzentrikerin: Eva Hesse im Jahr 1993 bei der Überreichung der Ehrendoktorwürde in München. Bild: Picture-Alliance

Ungekrönte Königin des lyrischen Import-Gewerbes: Zum Tod der Übersetzerin und Essayistin Eva Hesse, die Ezra Pounds Monumentalwerk ins Deutsche übertrug.

          3 Min.

          „Damn it! Don’t translate what I wrote. Translate what I meant to write!“ – So verfügte es Ezra Pound in einem Brief an seine deutsche Übersetzerin Eva Hesse. Die 1925 in Berlin geborene Tochter eines deutschen Diplomaten und einer aus dem Hochadel abstammenden Mutter kam aus einem guten Stall. Als Siebenjährige zog sie mit den Eltern nach London, wo sie, wie sie sich später erinnerte, „sprachlich entwurzelt“ wurde. Der Großvater war Dragoman gewesen, Gesandter am persischen Hof, in vielen Sprachen zu Hause und im Besitz einer umfangreichen Bibliothek.

          Hannes Hintermeier

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

          Aus ihrer sprachlichen Doppelbegabung machte Eva Hesse nach dem Zweiten Weltkrieg zügig eine Berufung. Den Plan, Tänzerin zu werden, gab sie auf; das Studium (Sanskrit, Chinesisch, Ägyptologie) ebenso. Stattdessen widmete sich die extravagante junge Frau von 1949 an der Übersetzung amerikanischer und englischer Dichter, darunter der politisch verfemte Ezra Pound, den man wegen seiner Mussolini-Propaganda in den Vereinigten Staaten zum Staatsfeind erklärt und in einem Irrenhaus weggesperrt hatte.

          Die Neugier der Deutschen auf die angelsächsische Dichtkunst, die in diesen Jahrzehnten auf eine neue Blüte zustrebte, war immens. Der mit großer, antikischer Bugwelle auftretende Pound war schon vor dem Krieg als Manager von Dichtern und maßgeblicher Erneuerer der Lyrik eine gefragte Größe gewesen. So hatte er mit einem beispiellosen Eingriff T.S. Eliots Gedicht „The Waste Land“ zusammengestrichen. Eva Hesse übersetzte und kommentierte den Text für Suhrkamp, Gleiches tat sie im Auftrag des Arche Verlags von 1953 mit dem monströsen Werk Ezra Pounds. Später kamen hinzu Langston Hughes, Marianne Moore, Robert Frost, Robinson Jeffers, E.E. Cummings und Archibald MacLeish.

          Immerhin die Ehrendoktorwürde

          Diese Kärrnerarbeit machte die Erschließung disparatester Wissensgebiete nötig; die Staats- und die Universitätsbibliothek wurden zum Zweitwohnsitz. So entstand mitten in Schwabing ein Pendant zu jener Ein-Mann-Universität, die Ezra Pound in Rapallo errichtet hatte. Dichter kamen und gingen, Korrespondenzen wurden geführt, einen Weltsalon machte Eva Hesse aus der bescheidenen Zweizimmerwohnung, die sie mit ihrem Mann, dem Iren Mike O’Donnell, teilte. Ohne dessen unermüdlichen Einsatz als Gegenleser, ohne sein Fachwissen, das er als technischer Übersetzer mitbrachte, ohne seine Hingabe an die Unbedingtheit dieser Lebensaufgabe namens Pound wäre auch das umfangreiche übersetzerische, theoretische und literaturwissenschaftliche Werk Eva Hesses nicht vorstellbar. Die Stadt München nahm in geradezu beschämender Weise keine Notiz von dieser Kapazität innerhalb ihrer ach so kulturell getränkten Mauern. Immerhin hatte ihr die Universität 1993 die Ehrendoktorwürde verliehen – als zweiter Frau in hundert Jahren.

          Man geizte mit Anerkennung: Eva Hesse wird 1968 in Darmstadt mit dem Frühjahrspreis der Akademie für Sprache und Dichtung ausgezeichnet

          Selbst zu dichten, das ist ihr nie eingefallen. Wohl aber reifte Eva Hesse, gespeist aus den Quellen ihres „Hobbys“ – so nannte sie die Übersetzerei, denn von einem Broterwerb könne keine Rede sein –, selbst zur Autorin heran. 1974 legte sie in der Gelben Reihe bei Hanser „Die Wurzeln der Revolution“ frei, vier Jahre später folgte die Monographie „Ezra Pound: Vom Sinn und Wahnsinn“, ein Standardwerk ebenso wie „Die Achse Avantgarde–Faschismus“ (1991), in dem sie die Beziehung des Futuristen Filippo Tommaso Marinetti zu Pound untersuchte.

          Die kleinen Orgasmen zwischen den Wörtern

          Pound unterschied drei Arten von Dichtung: liedschaffende (Melopoeia), bildschaffende (Phanopoeia) und sinnschaffende (Logopoeia). Davon ausgehend hat sich Eva Hesse im Zweifelsfall an die eingangs erwähnte Devise des Dichters gehalten: „Den kleinen Orgasmen zwischen den Wörtern“ nachspürend, verfügte sie über den Scharfsinn, das Selbstbewusstsein und die Freiheit, sich dieses Recht zu nehmen. So sind ihre Übertragungen heute sowohl Ausdruck ihres ausgeprägten Formwillens als auch Abbild der Epoche, in der sie unternommen wurden. Eva Hesse gab nicht auf, bis die „Cantos“ zweisprachig auf 1500 Seiten komplett vorlagen, wofür sie den Preis der Leipziger Buchmesse erhielt. Kein anderes Land auf der Welt kann sich rühmen, den ganzen Pound übersetzt zu haben.

          „Drei Jahre lang, im Mißton mit der Zeit, / Versuchte er die tote Kunst der Dichtung / Zu wecken; das ,Erlesene‘ zu erhalten, / Wie man es einst verstand. Von Anbeginn verfehlt –“. Mit diesem resignativen Seufzer hebt Pounds 1920 geschriebenes Gedicht „Hugh Selwyn Mauberley“ an. Eva Hesse hat mehr als sechs Jahrzehnte darangegeben, die Kunst der Dichtung lebendig zu halten.

          Als verfehlt hätte sie diese Anstrengung gewiss nicht begriffen. Irgendwann wird Pound eine Renaissance erleben, und dann wird man wieder erkennen, wie groß die Leistung Eva Hesses war. Die letzten Lebensjahre nach dem Tod ihres Mannes verbrachte sie allein und beinahe blind in einem Altenheim, Höchststrafe für eine femme de lettre. Nun ist Eva Hesse am Montag im Alter von fünfundneunzig Jahren in München gestorben. So eine wie sie kommt nicht wieder.

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