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Zum Siebzigsten von Brigitte Kronauer : Das Trümmermädchen baut mit Scherben

Brigitte Kronauer im Arbeitszimmer ihres Hamburger Hauses Bild: dpa

Brigitte Kronauers Bücher sind Kunstmärchen und Gesellschaftsromane zugleich. Vom Paradiesgarten ist dabei nur ein kleiner Rest zu retten, ein Eckchen eben in der Zivilisationsmüllhalde. Aber wer unter den Gegenwärtigen hat je die Naturbeschwörungen dieser Autorin erreicht?

          Ein Kapitel in Brigitte Kronauers jüngstem Roman „Zwei schwarze Jäger“ aus dem Jahre 2009 heißt „Herr Schöffel“ und erzählt vom Sterben eines alten Mannes. Herr Schöffel wohnt in einem Haus im Wald, im Schatten von Rosskastanien und Blutbuchen. Der Tod holt ihn im späten Mai. Es hat geregnet und geregnet, der Keller steht unter Wasser, Herr Schöffel steigt die Kellertreppe hinauf und hinab, um den gesammelten Niederschlag wieder an die Oberfläche zu befördern, mit einem „kindischen Eimerchen“. Er ist verwirrt und zugleich bei klarem Bewusstsein.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Die Szenen seines Lebens gleiten an ihm vorüber, und unter dem Ansturm der Elemente ruft sich der Tierfreund und Wandervogel die Geschichte seiner Beziehung zur Natur in Erinnerung, als wär's seine Ehe. Er weiß sehr wohl, wie ihm geschieht. „Nur eins begreift er noch nicht, gesteht es sich jetzt, im nassen Dunkel, erst ein: Mitten im dichten Grün zwischen Geißblatt und Farn hat er unter den Wölbungen der Laubbäume schon oft das Wort ,wälderwärts' gedacht und daß er zu den Wäldern flüchten möchte. Verrückt! Welches Geheimnis verbarg sich da?“

          Der Sterne heil'ge Redensarten

          Die prosaische Antwort lautet: Herr Schöffel kennt den Wald aus Büchern, aus Gedichten. Das „Wie - soll ich fliehen? Wälderwärts ziehen?“ aus Goethes „Rastloser Liebe“ mit dem Regen im ersten Vers fließt in seinem Kopf zusammen mit „Wolken, wälderwärts gegangen, / Wolken, fliegend übers Haus“, den ersten Versen des sechsten Gedichts aus Eichendorffs Zyklus „Der verliebte Reisende“, dessen vorletzte Strophe mit dem Vers „Regen flüchtig abwärts gehen“ beginnt. Das Gewölbe der Laubbäume ruft dem Leser das kathedralengleiche grüne Zelt aus „O Täler weit, o Höhen“ ins Gedächtnis, und ein Vers aus einem anderen Eichendorff-Gedicht, „An die Dichter“, geht Herrn Schöffel an seinem letzten Tag nicht aus dem Sinn: „Der Sterne heil'ge Redensarten“.

          In höchster Not erinnert er sich daran, dass ihm etwas fehlte, als er alles hatte. „Mitten im Wald, alles da, was man sich nur wünschen konnte, hatte er Sehnsucht nach ,den Wäldern', nach dem ,Wald'?“ Adorno hat in seinem Aufsatz „Zum Gedächtnis Eichendorffs“ darauf aufmerksam gemacht, dass Eichendorff mit einem Fundus von Bildern arbeitete, die bereits zu seiner Zeit verbraucht gewesen sein müssen. Er verzichtete darauf, die Topoi mit Adjektiven auszuschmücken, und entdeckte die Ausdruckskraft an den Bruchstücken der toten Sprache. So werde auch in den Märchen der Gebrüder Grimm „kein Wald je beschrieben oder auch nur charakterisiert; und welcher Wald wäre doch so einer wie der aus den Märchen“.

          Im Tanz des Glühwurms steckt die Pracht der Sommernacht

          In einem Beitrag zu einer Serie der (alten) „Weltwoche“ hat Brigitte Kronauer sich über das Geheimnis ihrer „Waldeinsamkeitslust“ gebeugt. 1940 geboren, suchte sie als Kind in der Trümmerlandschaft des Ruhrgebiets den Wald, den sie aus den Märchen kannte. Noch heute reichten die Märchenwörter „Waldhaus“ und „Märzenwald“ aus, „den baumreichen Aufenthalt ,meiner Lust und Wehen' (Eichendorff) mit Schatten, Duft, Funkeln herbeizuzaubern“.

          Fast immer steckt bei Brigitte Kronauer in der kleinen Schönheit die Ordnung des Großen, im Tanz des Glühwurms die Pracht der Sommernacht. So hat sie in diesem Gelegenheitstext ihre Poetik aus ihrem Verhältnis zum Wald entwickelt.

          Ein Dialektisches, die Betrachtung eines Gegensatzes, treibt die poetische Produktivität hervor. Einerseits weckt das Schauspiel des allgemeinen Zerfalls in der Schriftstellerin das Bedürfnis, „sich der Verführung zur allseitigen Auflösung mit der eigenen, flüchtigen Person anzuschließen“. Adorno illustriert mit den Bächlein, die „Im Walde her und hin“ rauschen, obwohl jeder Bach nur in eine Richtung fließen kann, Eichendorffs Methode der Selbstentäußerung, „die Suspension des Ichs, seine Preisgabe an ein chaotisch Andrängendes“. Im Wald bleibt das Andrängende nicht formlos.

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