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Friedmar Apel zum Siebzigsten : Widerstand der Literatur

Anspruch auf „Widerständigkeit“: Friedmar Apel wird heute siebzig Jahre alt. Bild: privat

Friedmar Apel betrachtet Literatur als kritische Instanz und würdigt sie im Kontext ihrer Entstehungszeit. Regelmäßig schreibt er Rezensionen für die F.A.Z. Heute wird der Literaturwissenschaftler siebzig.

          Wenn es einen deutschen Literaturwissenschaftler gibt, der das Eigenrecht seines Forschungsgegenstands aus Traditionsbewusstsein zu behaupten weiß, dann Friedmar Apel. In Bielefeld, ausgerechnet einer der „Reformuniversitäten“ aus den späten sechziger Jahren, fand er dafür vor fast zwanzig Jahren als akademischer Lehrer das richtige Umfeld, aber das hatten ja auch Persönlichkeiten aus anderen Fachbereichen wie Reinhart Koselleck, Niklas Luhmann, Jürgen Kocka oder Hans-Ulrich Wehler vorbereitet, und mit Karl-Heinz Bohrer hatte Apel einen Vorgänger in der eigenen Fakultät, der dieselbe Vorstellung von der Autonomie der Erzählkunst hegte.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Wobei Literatur dabei nicht als weltabgewandt betrachtet wird, sondern selbst als kritische Instanz: „Dass die Wirklichkeit eben die Wirklichkeit ist und auch ganz gut so, wie sie ist“, so schrieb Apel in typischer Formulierung Ende der neunziger Jahre an einen Redakteur dieser Zeitung, „das finde ich ziemlich weitgehend nicht. Und die Literatur findet das zum großen Teil auch nicht. Und meine Aufgabe ist, egal wen das interessiert, sie dem Konformismus aus den Händen zu nehmen und sie als symbolischen Ort der Widerständigkeit zu erweisen.“

          Wenig Sympathie für Moden

          „Die Zaubergärten der Phantasie“ lautete der Titel seiner ersten wissenschaftlichen Publikation, und schon diese 1978 erschienene Analyse des Literarisch-Märchenhaften war alles andere gewesen als ein Plädoyer für Eskapismus. Ganz konkret mit Fragen der Vergegenwärtigung von Literatur beschäftigte sich dann drei Jahre später die Berliner Habilitationsschrift, „Sprachbewegung“, über Probleme des Übersetzens. Aber danach ließ Apel eigener Schreiblust quer durch die Genres freien Lauf, etwa im 1984 publizierten Loblied „A Roaring Life“ über die Lust am Motorradfahren oder ein Vierteljahrhundert später in dem Roman „Nanettes Gedächtnis“, in dessen synästhetisch begabter Titelheldin man eine Seelenverwandte des Autors entdecken wird.

          Ein Hauptwerk Apels ist das Konvolut an Rezensionen, die er seit Mitte der neunziger Jahre für diese Zeitung schrieb. Darin ist der Anspruch auf „Widerständigkeit“ immer greifbar. Für Moden und Marotten hat Apel wenig Sympathie; der Kontext seiner Würdigungen ist ein literaturhistorischer, mit dem er sich selbst aus einem Erkenntnisdilemma befreit hat: „Der Zeitgenossenschaft“, so hat er ausgeführt, „fehlt ja meist der Sinn für Qualität.“

          Die Interpretation der Welt

          Wobei der Kritiker Apel es nicht als seine vordringliche Aufgabe ansieht, Werturteile zu treffen, sondern den Gehalt eines Buchs diskursiv zu beurteilen. Dabei zahlt sich sein unerhört breites Interessenspektrum aus, das natürlich die deutschsprachige Literatur umfasst, gipfelnd im späten achtzehnten Jahrhundert und vor allem dem romantischen Kunstbegriff von Friedrich Schlegel – als „Schlegelianer“ bezeichnet Apel sich gerne; als solcher findet er sich in einer Tradition, die ein so intensives Verhältnis zum geschriebenen Wort pflegte, wie er selbst es tut. Aber es reicht bis zur unmittelbaren Gegenwartsproduktion an Lyrik und Romanen. Auch antike und französische Autoren sind ihm vertraut, und die englische Literatur – und da besonders Shakespeare – ist ihm eine Herzensangelegenheit.

          „Die Welt ist ästhetisch nicht zu rechtfertigen“, sagt er, „aber auf ihre Interpretation kommt es trotzdem an, freilich nicht mit dem Anspruch auf Widerspruchsfreiheit. Widerspruch ist doch ganz lustig und hält das Herz-Kreislauf-System in Gang.“ Deshalb sei Friedmar Apel zu seinem heutigen siebzigsten Geburtstag noch viel Widerspruchsgeist gewünscht. Darum muss man sich bei ihm die geringsten Sorgen machen.

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