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Zum Sechzigsten von Thomas Hürlimann : Man hat Stil

Inkognito in Berlin: Der Schweizer Dichter Thomas Hürlimann Bild: dpa

Wie kein anderer Autor seiner Generation hat der Dichter Thomas Hürlimann das Schweizer Bürgertum des zwanzigsten Jahrhunderts beschrieben. Seine Bücher handeln von Anpassung und Verweigerung. Seine Wappentiere aber sind Katze und Kater.

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          Inkognito und allein reist Gottfried Keller, Verfasser des „Grünen Heinrich“ und der „Leute von Seldwyla“, vor seinem siebzigsten Geburtstag an den Vierwaldstätter See. Er will weg sein. Im wirklichen Leben flog das Versteckspiel rasch auf, der 15. Juli 1889 wurde dann doch mit Pomp begangen. Gleich zweimal aber hat sich Kellers Nachfahr, der Erzähler und Dramatiker Thomas Hürlimann, dieser Szene angenommen, 1991 in der Novelle „Dämmerschoppen“, sieben Jahre später dann im Theaterstück „Das Lied der Heimat“. Und bei ihm gelingt der dichterische Selbstentzug immerhin bis jeweils fast zum Schluss.

          Jochen Hieber
          Freier Autor im Feuilleton.

          Thomas Hürlimann wurde im schweizerischen Zug geboren. Feiern und Ehrungen zu seinem Geburtstag sind nicht geplant. Mag sein, dass der seit mehr als einem Jahrzehnt nahezu inkognito in Berlin Lebende durch ein paar Kneipen zieht, mag sein, dass er mit seinem Freund, dem Dramatiker, Erzähler und Essayisten Botho Strauß wie seit Jahren schon am Ufer der Oder wandert, wo die beiden, so Strauß, gelegentlich einkehren „in den armseligsten Städtchen, die niemand je aus ihrer DDR-Verödung erlösen wird.“

          Zusammen mit Beiträgen von Theater- und Literaturkritikern, von Wissenschaftlern und Weggefährten findet sich das Freundschaftsbillett des Botho Strauß in dem von Hans-Rüdiger Schwab herausgegebenen Sammelband „. . . darüber ein himmelweiter Abgrund. Zum Werk von Thomas Hürlimann“. Dass dieser Band nun im S. Fischer Verlag erscheint, signalisiert überdies, dass Hürlimann wieder einmal vor einem Neubeginn steht.

          Marie Bäumer spielt in der Verfilmung von Hürlimanns Roman „Der große Kater” die Präsidentengattin, Bruno Ganz lächelt als Staatsoberhaupt vom Plakat
          Marie Bäumer spielt in der Verfilmung von Hürlimanns Roman „Der große Kater” die Präsidentengattin, Bruno Ganz lächelt als Staatsoberhaupt vom Plakat : Bild: dpa

          Im Zeichen von Katze und Kater

          1981 hatte er mit der Titelgeschichte des Bandes „Die Tessinerin“ als Debütarbeit gleich ein Meisterstück vorgelegt: die kurze, makellose Prosa über das Sterben einer Lehrersfrau. „Die Tessinerin“ war zugleich das allererste Buch des gerade in Zürich gegründeten Ammann Verlags, alsbald eine der angesehensten Adressen unserer Literatur. Jetzt aber, zum 31. Dezember dieses Jahres, erlischt Ammann als Verlag. Wie Hürlimann müssen auch die anderen Autoren neue Lektoren und neue Publikations-Ufer finden. Seines wird S. Fischer sein.

          Vier Büchern sind es, die das bisherige erzählerische Werk konstituieren - die Novelle „Das Gartenhaus“, 1989 erstmals erschienen, der Roman „Der große Kater“ von 1998, die Novelle „Fräulein Stark“ (2001) und der Roman „Vierzig Rosen“ (2006). Zusammen bilden sie eine Tetralogie des Schweizer Bürgertums im zwanzigsten Jahrhundert, zugleich eine Parabel über gesellschaftliche Anpassung und individuelle Verweigerung. All diese Bücher stehen überdies im Zeichen jener Tiere, die in Thomas Hürlimann einen Minnesänger gefunden haben: Katze und Kater.

          Im „Gartenhaus“ ist es eine Friedhofskatze, die das Geschehen bestimmt. Ein älteres Ehepaar hat den Sohn verloren, er ist an Krebs gestorben. Der Totenkult wird ihr Lebensinhalt - und die Katze dabei zur unerhörten Begebenheit. Sie entzweit die beiden Alten, schenkt ihnen aber auch ganz neue Lebensenergie. Im Roman „Der große Kater“ geht der Vater, er ist Schweizer Bundespräsident, den Staatsgeschäften nach, während Marie, die Mutter, sich aufzehrt zwischen dem Krankendienst am moribunden Sohn und ihren Repräsentationspflichten. Als Hürlimanns bisher einziges Buch ist „Der große Kater“ jüngst auch verfilmt worden - mit durchaus passablem Resultat.

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