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Zum Jubiläumsjahr : Das Fontane-Phänomen

Theodor Fontane Bild: Picture-Alliance

Theodor Fontane war ein Dichter, der weit über seine Zeit hinaus wies. Niemals zeichnete er Figuren dämonisierend schwarz oder idealisierend weiß. Was sagt er uns heute?

          3 Min.

          Im dritten Teil von Theodor Fontanes „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ gibt es eine bezeichnende Randbemerkung: „Der Chronist hat hier eine romantische Anwandlung, die wir hervorgehoben haben wollen, weil es in seinem Buche die einzige ist.“ Man könnte meinen, Fontane spräche hier von sich selbst, denn wenn eines am Werk des heute vor zweihundert Jahren geborenen Schriftstellers immer wieder gepriesen worden ist, dann dessen kühler Realismus. Doch die Rede ist da von Ferdinand Ludwig Schönemann, einem im späten achtzehnten Jahrhundert aktiven Chronisten Brandenburgs, dessen Bücher Fontane für die seinen ausschlachtete. Der Kommentar ist dennoch unfreiwillig selbstironisch.

          Unfreiwillig, weil Ironie noch weniger Fontanes Sache war als Romantik: Nur keine Sentimentalitäten! Was macht aber dann seine ungebrochene, im Jubiläumsjahr gar noch einmal gesteigerte Beliebtheit als Schriftsteller aus? Es ist eine Beobachtungs- und Beschreibungsgabe, die Fontane seiner langen Berufserfahrung als Journalist verdankte. Sowohl bei Formbewusstsein als auch Psychologie verfügte kein anderer deutscher Autor aus der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts über eine vergleichbare Genauigkeit – antrainiert vor allem als Theaterkritiker, der sich nicht für Fragen von Inszenierung interessierte, sondern für die dem Bühnengeschehen zugrundeliegende Geschichte und die vom Dramatiker vorgeschriebenen Figuren. Als Kritiker wie als Schriftsteller hielt Fontane sich an das, was ihm die wichtigsten Wirkungskräfte waren: Landes- und Naturgeschichte sowie menschliches Naturell. Diese Faszination fürs Überdauernde hat auch seine Bücher überdauern lassen, weil er gerade dadurch ein feines Sensorium für gesellschaftliche Evolution entwickelte. Er war darin ganz der Zeitgenosse Darwins.

          Beginnend mit dem ersten Roman „Vor dem Sturm“ über die preußische Erhebung 1812/13 gegen Napoleon, 1878 erschienen, als Fontane fast schon sechzig war, schrieb er sich thematisch an seine Gegenwart heran, bis er zum virtuosesten literarischen Porträtmaler des Wilhelminismus wurde: Seine Palette verfügte über alle Zwischentöne, aber niemals zeichnete er Figuren dämonisierend schwarz oder idealisierend weiß.

          Und seiner Zeit weit voraus war er beim Schaffensprozess. Im interessantesten Fontane-Buch dieses Jubiläumsjahrs („The Fontane Workshop“, erschienen bei Bloomsbury) hat die deutsch-amerikanische Germanistin Petra S. McGillen die Kompilation als zentrales Werkprinzip herausgearbeitet: Fontane beschäftigte seine ganze Familie mit der Ausarbeitung seiner Bücher, als Rechercheure und Schreibkräfte, ganz wie er es in den Zeitungsredaktionen gelernt hatte. „Manufacturing realism“ nennt McGillen das: Fabrikation des Realismus – diese Wirklichkeitstreue war eine konstruierte insofern, als Fontanes gerühmte Beobachtungsgabe eine vielfach durch andere Beobachter unterstützte war. Das zugelieferte Material verarbeitete er in einer Weise, die dem alchemistischen Prozess des Apothekerberufs entsprach, den Fontane einmal gelernt hatte.

          Zugleich wahrte der Romanschriftsteller nach außen hin den Anschein des Originalgenies, wie es die noch aus Goethes Zeiten stammende Idealvorstellung eines Autors verlangte. Die „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ sind deshalb so interessant, weil darin im Unterschied zu den Romanen immer wieder der Schleier von den Ursprüngen des Fontane’schen Materials weggezogen wird, wie etwa im eingangs zitierten Passus zu Schönemann, dessen Werk eine der wichtigsten Quellen für die „Wanderungen“ war.

          In seinen Briefen hat Fontane dagegen bereitwillig Auskunft über die Herkunft seiner Inspirationen gegeben – als Schriftsteller, der jemals für bedeutsam genug gehalten werden würde, um dessen Korrespondenzen oder gar die akribisch geführten Notizhefte philologisch zu erschließen, hat er sich nie gesehen, wenn ihm auch die Enttäuschung, sich mit seinem Werk nicht die Sympathie der feinen (also adligen) Gesellschaft Preußens gesichert zu haben, die letzten Jahre verbitterte. Für wen sonst hatte er denn die „Wanderungen“ geschrieben, wenn nicht zum Lobe der alten Familien der Mark?

          Stattdessen wurde er der literarische Liebling des wilhelminischen Bürgertums und da vor allem der jüdischen Leser – was den leider privat antisemitisch gestimmten Autor irritierte, aber doch erfreute. In einem Gedicht über den eigenen 75. Geburtstag stellte er 1894 fest: „Aber die zum Jubeltag kamen, / Das waren doch sehr, sehr andre Namen, / Auch ,sans peur et reproche‘, ohne Furcht und Tadel, / Aber fast schon von prähistorischem Adel: / Die auf ,berg‘ und auf ,heim‘ sind gar nicht zu fassen, / Sie stürmen ein in ganzen Massen, / Meyers kommen in Bataillonen, / auch Pollacks und die noch östlicher wohnen; / Abram, Isack, Israel, / Alle Patriarchen sind zur Stell’, / Stellen mich freundlich an ihre Spitze, / Was sollen mir da noch die Itzenplitze!“ Da bewies Fontane denn doch einmal ein gerüttelt Maß an Selbstironie. Er ist nach wie vor für Überraschungen gut.

          Andreas Platthaus
          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

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