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Harlan Ellison zum Achtzigsten : Ein glühender Riese

Sein Leben „bewegt“ zu nennen, wäre eine Untertreibung. Harlan Ellison, hier ein Bild aus den Sechziger Jahren, wird achtzig. Bild: picture alliance / Everett Colle

Er hat Science Fiction geprägt, aber wollte nie darauf beschränkt werden; phantastische Literatur, Kino und Fernsehen wären ärmer ohne ihn: Der Schriftsteller Harlan Ellison wird achtzig.

          6 Min.

          Man kennt den Mann in Deutschland kaum. Das sollte man aber – nicht nur, weil viele, die man hier kennt, Harlan Ellison kannten und kennen, ihm in Zuneigung wie Zorn verbunden waren und sind: Die Geschwister Wachowski, die den Film „Die Matrix“ schufen, geraten ins Schwärmen, wenn man ihn erwähnt. Stephen King und Michael Crichton haben rühmende Texte über ihn verfasst. Erstklassiges Kollegenlob erfuhr er von Dorothy Parker, die sein Bändchen „Gentleman Junkie“ (1961) im „Esquire“ enthusiastisch rezensierte. Frank Sinatra hat sich mit ihm gestritten, Steve McQueen ihn, als Ellison einen Hitzschlag erlitt, durch die Wüste getragen und ihm so vermutlich das Leben gerettet.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Ronald Reagan, damals noch Gouverneur von Kalifornien, setzte ihn auf eine Liste subversiver Personen. Mit Leonard Nimoy, dem Darsteller des Mr.Spock aus der „Star Trek“-Fernsehserie, hat er ein schönes Stück kalifornischen Natur-Erbes vor Baggern gerettet. Und James Cameron fängt an zu giften, zu schäumen und zu qualmen, wenn man ihn an den Schriftsteller erinnert, der sich von dem Regisseur nicht einfach die Idee zu den „Terminator“-Filmen stehlen lassen wollte, ihn deshalb verklagte und den Prozess sogar gewann. Selbst Ellisons Freund Robin Williams ist ausnahmsweise ganz still, wenn der Schriftsteller aus seinem bewegten Leben erzählt.

          Interaktiv: Harlan Ellison über Science Fiction, Überwachung, die Bürgerrechtsbewegung, das Internet, Gott - und Harlan Ellison

          Unterwegs im Genre „Harlan Ellison“

          Bewegtes Leben? Du lieber Gott, dieser Mensch, 1934 als Kind jüdischer Eltern hineingeboren ins übel antisemitische Kleinbürgermilieu von Painesville in Ohio, hat als Kind in Minstrel-Shows gesungen, sein Studium wegen unüberbrückbarer literarischer Differenzen mit dem Lehrkörper (mitgeteilt per Fausthieb) abgebrochen und sich in eine Motorradrockerbande eingeschlichen, um eine Reportage darüber zu schreiben, die später in einer von Alfred Hitchcock verantworteten Fernsehserie verfilmt wurde (der junge James Caan spielte Ellison).

          Mit Bruce Lee hat er Kampfsport trainiert, mit Martin Luther King ist er von Selma nach Montgomery marschiert, das Raumschiff Enterprise rettete er vor der Verschrottung, als das Fernsehen diese Legende zu früh satt hatte, und im Dienst der zuständigen Gewerkschaft setzte er heute selbstverständliche Autorenrechte im Film- und Fernsehgeschäft mit durch. Gefragt, warum er sich solche Abenteuer zumute, erklärte er sich zur „Kreuzung aus Zorro und der Grille, die Pinocchio im Disney-Film ins Gewissen redet“. Ach ja: Auch bei Disney stiftete er Unruhe, man entließ ihn nach nur einem Tag wegen böser Witze.

          Traurig dürfte er darüber nicht gewesen sein – wo es ihm nicht gefiel, ging er oft freiwillig und verließ deshalb auch schon mal eine Talk-Show wegen zu blöder Anmoderation: Er mochte nicht als „Sci-Fi-Writer“ vorgestellt werden, weil die dumme, analog zu „Hi Fi“ von Forry Ackerman gebildete Wortprägung dem Reichtum der Mittel und Zwecke seines Schreibens ein Halseisen anlegt, das er sich nicht gefallen lässt – weswegen er die Gattung, der sein Werk angehört, „speculative fiction“ taufte, eine Formulierung, die aber, da sie inzwischen für alle möglichen Vagheiten in Umlauf geraten ist, heute auch wieder so viel Missverständlichkeit mit sich herumschleppt, dass Harlan Ellison in letzter Zeit auf die Bitte, er möge das Genre benennen, in dem er sich zuhause fühlt, nur noch antwortet: „Harlan Ellison“, ein Fachausdruck, den er sich deshalb auch juristisch hat schützen lassen – der ernste Witz hat seine sehr zeitgemäße Seite, denn natürlich macht sich Ellison auch Gedanken über den Wert intellektueller Arbeit im Informationszeitalter, und hat sich bereits auf rechtliche Händel mit dem Online-Konzern AOL eingelassen, aus denen er mit einer Art Vergleich, dessen Einzelheiten nicht bekanntgemacht wurden, wohl recht knapp mit heiler Haut hervorging.  

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