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Zum Achtzigsten von Christa Wolf : Sprich, Königstochter

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2002. Christa Wolf auf der Leipziger Buchmesse Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

Sie ist die Kassandra der deutschen Literatur: Christa Wolf taucht in ihren Werken tief in den Mythos ein, um die graue Gegenwart zu beleuchten. Sie hat sich von ihren Kritikern kränken, aber nicht entwaffnen lassen. Heute feiert sie ihren achtzigsten Geburtstag.

          Sie ist die jüngste Mystikerin der deutschen Literatur. Nur wenn man im Titel ihres ersten Romans „Der geteilte Himmel“ Jakob Böhmes esoterische Gedanken über die Spaltung der Ursphäre mithört, ergibt sich das große Thema ihres vielbändigen Werkes, das sie durch alle politischen Wirrnisse hindurch verfolgt. Der geteilte Himmel ist der über den beiden deutschen Staaten, es ist auch der, durch den 1961 das erste bemannte russische Raumschiff zieht und mit seinem Schatten „wie ein Skalpell“ die Erde aufreißt.

          Gegen die harte Opposition des Kalten Krieges und einen Zukunftsglauben, der sich als Feind aller Tradition versteht, aktiviert Christa Wolf die Mythen: Urerzählungen, in denen das Denken sich orientieren kann, ohne in Lager zu zerfallen. Zur Vollendung entwickelt sie die literarische Technik, in einer Geschichte zugleich eine andere zu erzählen und so die Zwangsläufigkeit jeder einzelnen aufzuheben. Das beginnt mit dem autobiographischen Roman „Kindheitsmuster“, der von einer Jugend im Nationalsozialismus handelt, aber auf einer zweiten Ebene die Erzählzeit der damaligen DDR-Autorin immer im Blick hat, so dass sich beide Diktaturen wechselseitig kommentieren. Schon hier nennt die Erzählerin ihre schwarzsehende Mutter eine „Kassandra hinterm Ladentisch“: eine einfache Kaufmannsfrau, deren Instinkte alle Parolen des Regimes durchschauen. Ohne Furcht vor seiner Putzigkeit flüchtet Wolf aus dem Herrschaftsdiskurs in den sprachlichen Mutterboden und entdeckt ein verbales Biedermeier, das in der Provinz überlebt: Koseworte wie „Schnäuzchen-Oma“, Landläufiges wie „Muckefuck“, „Pustekuchen“ und „Scheibenkleister“, Kinderreime, Volkslieder und sprichwörtliche Klassikreste.

          Das Magma mythologischer Texte

          Es ist etwas Aufrührerisches in dieser Vermengung des sprachlichen Unbewussten mit dem Denken in Widersprüchen, wie es die sozialistische Intelligenz pflegte. Zum Befreiungsschlag wird „Kassandra“, ein buchlanger Monolog, in dem die trojanische Königstochter mit dem korrupten Regime ihrer Vaterstadt und zugleich Christa Wolf mit ihren ideologischen Befangenheiten abrechnet. Ein Leben lang hat die Seherin geübt, „Gefühle durch Denken“ zu besiegen; nun setzt sie ihren Scharfsinn zur Rettung der Gefühle ein. Abseits des Machtzentrums stößt sie in den Bergen auf den Mysterienkult einer verdrängten Muttergottheit, auf entfesselt tanzende Frauen und Weisheit, die in Zungen redet. Dieses Orgiastische unterminiert nicht nur den berechnenden Intrigantenstab des Königs Priamus, sondern auch eine DDR-Bürokratie, für die der Zweck die Mittel heiligt. Schon in „Der geteilte Himmel“ wurden Staat und Partei als Usurpatoren des Mütterlichen gedacht, jetzt entdeckte die vom Feminismus beflügelte Autorin den Wahnsinn als basisdemokratische Ausdrucksform. Ein Chor von Stimmen tritt an die Stelle des agonalen Verhörs, das eine lutherisch-gewissenhafte Christa Wolf nicht zuletzt in „Was bleibt“ mit sich selbst anstellte und das zum zentralen Kommunikationsformat des Überwachungsstaats geworden war.

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