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Charles Simic wird achtzig : Die Ameisen setzen schon ihren Quäkerhut auf

Unvergesslicher Stil: Eine Mischung aus Frechheit, Sinnlichkeit und kindlicher Neugierde machte den Dichter einzigartig. Bild: Ekko von Schwichow/schwichow.de

Schriftsteller wie ihn darf man im Gesamtwerk lesen: Zum achtzigsten Geburtstag des Dichters und Genießers Charles Simic.

          Wenn Sie keine Gedichte mögen, lesen Sie diese. Wenn Sie glauben, Gedichte lohnten sich nicht, weil sie zu kurz sind oder zu lang, zu schwierig, zu dunkel, dann versuchen Sie es trotzdem einmal. Nämlich mit den Gedichten von Charles (eigentlich Dusan) Simic, einem 1938 geborenen Serben, der mit fünfzehn erst nach Paris, dann in die Vereinigten Staaten floh. Nicht er selbst hatte sich das ausgedacht, sondern seine Mutter, und ein paar Koffer waren alles, was die Familie auf ihrem Fußmarsch über die Grenzen mitnehmen konnte.

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          In den folgenden Jahrzehnten wurde Simic zu einem der wichtigsten Dichter englischer Sprache. Sagt man das so: „einem der wichtigsten“? Jedenfalls fiel sein Ton auf, wurde unverwechselbar, die Mischung aus Frechheit, Sinnlichkeit und kindlicher Neugierde. Der Glanz regennasser Straßen liegt darin, eine Katze läuft hindurch, Apfelblüten fallen, das alte Radio spielt Jazz, es gibt Blechsoldaten, Autofriedhöfe, leckere Würste, Ruß auf Fensterscheiben, und manchmal weht der stinkende Atem der Historie hinein, denn davon hatte der kleine Charles Simic, damals in Serbien, genug miterlebt, als Bomben auf Belgrad fielen und Leichen den Fluss hinuntertrieben. „Die Geschichte probiert ihre Schere / im Dunkeln aus, so / dass am Ende allem und jedem / ein Arm fehlt oder ein Bein.“ Das Gedicht heißt „Fürchterliches Spielzeug“, die Nachdichtung stammt von Hans Magnus Enzensberger, der Simic vor 25 Jahren mit dem Band „Ein Buch von Göttern und Teufeln“ in Deutschland bekannt machte.

          Seitdem sind noch einige gefolgt, etwa „Medici Groschengrab“ (1999) mit poetischen Texten über den Kastenkünstler Joseph Cornell, oder die neueste Auswahl „Picknick in der Nacht: Gedichte 1962–2015“, aber das Gesamtwerk des Dichters bilden sie nicht annähernd ab. Unser Buchmarkt verträgt das Gesamtwerk von Stephen King, aber nicht das Gesamtwerk von Charles Simic, Pulitzer-Preisträger und ehemaliger Poet Laureate der Vereinigten Staaten. Einen schönen Eindruck von seinem Witz und seiner entspannt vermittelten Gelehrsamkeit gibt der von Thomas Poiss herausgegebene Essayband „Die Wahrnehmung des Dichters“, der seinerseits nicht so trocken ist wie sein Titel. Wer sich dagegen in wunderbarem Ton von seinem Leben erzählen lassen will, greife zum Erinnerungsbuch „Die Fliege in der Suppe“ (1997), darin steht: „Mein Vater pflegte mich im Spaß zu fragen: ‚Wohin wandern wir als nächstes aus?‘ Alles war möglich in diesem Jahrhundert. Das große Experiment lief weiter. Leute wie er und ich waren die Versuchstiere. Merkwürdig war nur, dass eine dieser Ratten Gedichte schrieb.“

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          Simic schöpft aus einer amerikanischen Tradition der Einfachheit und Unverblasenheit, die den Ernst in der Schwebe hält. „Jaja, du denkst, niemand hört, / wie der erste Brosame / vom Tisch fällt / und am Boden aufprallt. // Aber irgendwo / setzen die Ameisen schon / ihren Quäkerhut auf / und machen sich auf den Weg zu dir.“ Er kann Gedichte über seine Schuhe schreiben oder ungemachte Betten. Er öffnet sich für die Epiphanien der Alltagserfahrung ebenso wie für das Ärmelzupfen der Metaphysik.

          Das hat seine Grenze bei den Todsünden Völlerei und Trägheit, zwei Schwächen, die er seinen Freunden ebenso verzeiht wie sich selbst. Was nicht heißt, er sei unmäßig oder faul. Aber er nimmt sich Zeit zum Essen, und er schreibt vor allem im Bett. Ferner hasst er Pedanterie und falsche Systematik. „Wie viele andere bin ich in einer Zeit aufgewachsen, die Freiheit predigte und Arbeitslager baute“, schreibt er in der Aphorismensammlung „Der Minotaurus liebt sein Labyrinth“. Das heißt, er ist kein schlechter Prophet, weil er spürt, wo Misstrauen angebracht ist. „Die Marschmusik des kommenden Jahrhunderts werden zweifellos Religion und Nationalismus sein“, schrieb er vor zwanzig Jahren in dem düsteren, klarsichtigen Essay „Waisenfabrik“, und wie recht er damit hatte, daran will man lieber nicht denken. Vorletztes Jahr in Berlin sah er immer noch jung aus. Das Lachen. Die getönten Brillengläser. An diesem Mittwoch, so unfassbar es klingt, wird Charles Simic achtzig.

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