https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/autoren/zum-achtzigsten-geburtstag-des-literaturnobelpreistraegers-peter-handke-18511304.html

Peter Handke wird achtzig : Neue Fenster, bitte!

Peter Handke, fotografiert Mitte Oktober 2022 Bild: dpa

Umstritten von Beginn seiner Laufbahn als Schriftsteller an: Zum achtzigsten Geburtstag von Peter Handke steht uns der größte Teil seines Werks noch bevor.

          4 Min.

          Es hat der Verleihung des Literaturnobelpreises vor drei Jahren nicht bedurft, um Peter Handke bekannt zu machen. Oder umstritten. Beides wurde er gleich mit Beginn seiner schriftstellerischen Laufbahn, 1966, als der damals Dreiundzwanzigjährige bei Suhrkamp seinen vom Schreiben selbst handelnden Debütroman „Die Hornissen“ herausbrachte, auf der Tagung der Gruppe 47 in Princeton das literarische Establishment schmähte und schließlich im August durch ein in Frankfurt uraufgeführtes Theaterstück auch in außerliterarischen Kreisen Aufmerksamkeit erregte, weil es den provokanten Titel „Publikumsbeschimpfung“ trug. Fortan galt der Österreicher Handke als enfant terrible der deutschen Literatur, und er genoss diesen Ruf, zumal er ihm nicht schadete.

          Andreas Platthaus
          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Im Gegenteil: 1973 erhielt Handke mit gerade einmal dreißig Jahren den Büchnerpreis, als bislang jüngster Autor – und als bislang einziger, der das Preisgeld zurückgegeben hat, allerdings erst 1999, als er mit Äußerungen über die Jugoslawienkriege brüskiert hatte, die erkennbar keine Provokation sein sollten, sondern die ehrliche, aber umso desillusionierende Überzeugung des politisierenden und anthropologisierenden Schriftstellers darstellten.

          Seine Leugnung der in den Kriegen von serbischer Seite verübten Verbrechen hat ihn noch umstrittener gemacht, aber den Nobelpreis nicht verhindert. Zu Recht, wenn man die Auszeichnung als rein literarische begreift, zu Unrecht, wenn man Handkes Schreiben nach dessen eigenen Maßstäben beurteilt. Die Emphase dieses Schriftstellers gegenüber der eigenen Tätigkeit ist beispiellos: „Erzählung, nichts Weltlicheres als du, nichts Gerechteres, mein Allerheiligstes“, heißt es zum Finale des 1986 publizierten Romans „Die Wiederholung“ mit ebenso metaphysischer wie martialischer Metaphorik: „Erzählung, Patronin des Fernkämpfers, meine Herrin. Erzählung, geräumigstes aller Fahrzeuge, Himmelswagen. Auge der Erzählung, spiegele mich, denn allein du erkennst mich und würdigst mich.“ Hier spricht ein Ich-Erzähler, der von seinem Autor gar nicht getrennt werden will. Handke lebt in, mittels und dank seiner Literatur.

          Der französische Einfluss

          Die Hälfte seines Lebens hat er in Frankreich verbracht, und dort erst wurde er zu dem, was seinen literarischen Rang ausmacht (und auch sein Risiko): ein Beobachtungsschilderer. Montaigne ist eine feste Bezugsgröße, der große Meister der Introspektion. Handke aber dreht dessen Verfahren um: Sein Blick erforscht nicht das eigene Innere, sondern die Welt um sich – „Neue Fenster bitte! (in die alte Umgebung)“ lautet eine für ihn charakteristische Forderung –, die sich dann jedoch zueigen gemacht werden muss, um „Weltgefühl“ zu erzeugen. In den erst vor wenigen Tagen als Buch erschienenen Notizen, die Handke während vier Monaten des Jahres 1978 an­gelegt hatte, findet sich dieses Prinzip genau beschrieben: als „Ent-Dinglichung der Wahrnehmung; die Dinge in sich hineindenken und sie dort ‚gewähren lassen‘ (das wäre sein Weltgefühl)“.

          Auch solcher Handke’sche Idealismus kann indes auf individuelle Steuerung nicht verzichten: „Ruhig zog er Gestalt und Form der Dinge in sich nach, beschwichtigte ihre Starre, indem er sie belebte (er war der Herr der Ereignisse; die ihn auch in der Ruhe und im Gleichgewicht hielten)“, heißt es 1978 als Entwurf zum im folgenden Jahr erschienenen Roman „Langsame Heimkehr“ in den Notizen. Sonst bliebe der Schriftsteller ja ein bloßes Aufnahmegerät.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Am vergangenen Wochenende demonstrierten in London Anhänger des schottischen Selbstidentifikations-Regelung für Trans-Rechte.

          Debatte über Transrechte : Vergewaltiger im Frauengefängnis

          Die schottische Ministerpräsidentin Nicola Sturgeon ist im Streit um Transrechte in die Defensive geraten. Nachdem ein Vergewaltiger in ein Frauengefängnis sollte, beugte sie sich jetzt Protesten.
          Bernard Arnault (vierter von links) im Kreise der Familie

          Wer leitet künftig LVMH? : Der Schatz der Arnaults

          Der reichste Mann der Welt hätte allen Grund, sich zur Ruhe zu setzen – tut es aber nicht. Seine Nachfolgeplanung bleibt ein wohlbehütetes Geheimnis.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.