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Eckhard Henscheid wird 80 : 10:9 für Holz

Eckhard Henscheid, 2014 fotografiert bei einem Spaziergang im Frankfurter Nordend. Bei der Aktion „Eine Stadt liest ein Buch“ las Frankfurt damals „Die Vollidioten“. Bild: Rainer Wohlfahrt

Eckhard Henscheid hat am selben Tag Geburtstag wie Günter Netzer, fühlt sich aber dessen Frankfurter Gegenspieler Bernd Hölzenbein stärker verbunden. Warum? Ein Fußballrätsel zum Achtzigsten des Schriftstellers.

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          Am 12. Juni 1974 stand auf der ersten Seite des Feuilletons der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ein Interview, das der Schriftsteller Eckhard Henscheid mit seinem Kollegen Ror Wolf geführt hatte. Einen Tag später begann in Frankfurt die Fußball-Weltmeisterschaft, und Henscheid erkundigte sich bei Wolf nach der optimalen Besetzung des deutschen Mittelfeldes. Wolf nannte drei Namen, Henscheid brachte einen vierten ins Spiel: „Und was ist mit Netzer? Wie ist seine psychosomatische Verfassung?“ Beruhigende Auskunft: „Seine psychosomatische Verfassung ist gut.“

          Patrick Bahners
          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Schon ein Jahr zuvor hatte Henscheid Bundestrainer Helmut Schön den Vorschlag unterbreitet, im Gespann mit Netzer den Frankfurter Bernd Hölzenbein (Spitzname „Holz“) aufzustellen, in seinem ersten, in der Erstauflage nur an Subskribenten abgegebenen Roman „Die Vollidioten“, dessen Erzähler so heißt wie der Autor und mit gespielter Beiläufigkeit mitteilt, dass Netzer „übrigens am gleichen Tag wie ich, am 14. September geboren wurde, allerdings drei Jahre später“.

          Seltsamerweise steht über dem Merkzettel für Schön die Zwischenkapitel-Überschrift „Zwischenbilanz“, obwohl es im Roman bis dahin gar nicht um das Nationalteam ging. In einem philosophischen Anfall lässt sich der Erzähler zu der Betrachtung hinreißen, gegen „einen Spurt Netzers in den gegnerischen Strafraum“ sei „sogar die Liebe des Herrn Jackopp gegenstandslos“, der vermeintliche Hauptgegenstand des Romans, der dem Leser aber schon vor dem Vergleich mit dem schnellen Antritt des Spielmachers aus Mönchengladbach recht gegenstandslos erscheinen konnte, viel fantastischer noch als bei Liebes-Plots ohnehin üblich, weil der Gegenstand der Liebe des Herrn Jackopp, das Fräulein Czernatzke, von ihm keineswegs so beharrlich umworben wurde, wie der schwärmerische Erzähler versichert.

          Karl Heinz Bohrer schrieb in der F.A.Z. 1973 seinen berühmten Satz über den Thrill von Netzers Vorstößen aus der Tiefe des Raumes und formulierte damit zugleich blitzartig seine Theorie der Plötzlichkeit, der Schönheit durch Unterbrechung. Henscheid rühmte im Roman „die Genialität von Hölzenbeins oft – im Gegensatz zu Netzer – unauffälligen, heimlichen Spielzügen und Finten, seiner den Gegner gleichsam lächerlich machenden Pässe in den freien Raum“. Er wechselte sich selbst damit als kongenialen Partner Netzers ein, charakterisierte mit einer Finte die eigene Kunst der Unauffälligkeit, der Spieleröffnung durch Abschweifung, mit der er es in Wahrheit auf Schönheit durch Zusammenhang abgesehen hat.

          Vor zehn Jahren sagte Henscheid in einem Interview: „Netzer war mir nicht ganz so nahe wie der damals mit ihm konkurrierende Spieler Bernd Hölzenbein, ein inzwischen fast vergessener Magier am Ball.“ Drei Jahre vor Günter Netzer wird Eckhard Henscheid heute achtzig Jahre alt.

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