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John Irving wird achtzig : Der Mann, der seine Figuren abgöttisch liebt

Kommt gern nach Europa: John Irving in Spanien Bild: dpa

John Irving, einer der bekanntesten amerikanischen Romanciers, kommt für den Nobelpreis aus einem besonderen Grund nicht in Betracht. An diesem Mittwoch wird er achtzig.

          3 Min.

          Sieben Jahre ist es jetzt her, seit ein neuer Roman von John Irving erschien. Das ist die mit Abstand längste Pause, die er seinen Lesern seit dem Debüt „Lass die Bären los!“ von 1968 abverlangt hat. Und hierzulande musste Irving gar als noch fleißiger empfunden werden, denn erst 1979 war als erstes übersetztes Buch von ihm „Garp und wie er die Welt sah“ erschienen, der vierte Roman des amerikanischen Schriftstellers, sein großer Durchbruch in den Vereinigten Staaten, worauf dann Rowohlt zugegriffen hatte – endlich. Doch schon mit „Hotel New Hampshire“ wechselte Irving 1982 zu Diogenes, seinem deutschsprachigen Stammverlag seitdem, und danach ging es Schlag auf Schlag mit den Übersetzungen, weil ja noch die drei ersten Bü­cher nachzuholen waren. Wir Irving-Leser bekamen also in den Achtzigern gleich sechs Romane serviert, und da­nach mussten wir zumindest nie länger als vier Jahre auf einen neuen gewohnt voluminösen Band warten. Bis zu „Avenues of Mysteries“ (deutsch: „Straße der Wunder“) von 2015, noch einmal fast achthundert Seiten stark. Seitdem Schweigen.

          Andreas Platthaus
          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Und das bei einem Autor, dem schnelles Schreiben gleichbedeutend mit Le­ben schien, wie dem Schlüsseltext zu seinem Werk abzulesen ist. Nicht, weil es dort explizit so stünde. Sondern weil dieser Schlüssel zu John Irvings Romanwerk, der sich in einem Kurzprosaband findet – „Trying to Save Piggy Sneed“, erschienen 1996 und unvollständig ins Deutsche übertragen –, einem Kollegen gilt, für den schnelles Schreiben Leben war und der dem Titel des Aufsatzes nach „the king of the novel“ für Irving ist: Charles Dickens.

          Überschäumende Erzählfreude

          Dieser Essay entstand als Vorwort zu Dickens’ „Großen Erwartungen“, jenem Buch, das Irving als Vierzehnjähriger verschlang (was ihm dann der Ich-Erzähler in seinem Roman „In einer Person“ nachmacht), womit eine von zwei Berufungen für den Jungen feststand: Schriftsteller. Die andere Berufung war eine sportliche: Ringer. In beiden Sparten wurde Irving höchst erfolgreich; im Ringen brachte er es 1982 in die ame­rikanische Hall of Fame dieses Sports, und das nicht etwa wegen seiner litera­rischen Verdienste um dessen Popu­larisierung (etwa durch „Garp“, dessen Ti­telheld begeisterter Fan ist, oder dem Ringer­roman „Eine Mittelgewichts-Ehe“), sondern für eine zwanzigjährige Karriere als Wettkämpfer und Trainer.

          „Am Anfang jedes Romans, den ich geschrieben habe, steht ein ‚Was wäre, wenn . . .‘“, heißt es am Ende von „Die vierte Hand“ in der Danksagung. Doch so imaginär sind Irvings Bücher gar nicht. Sie sind vielmehr denkbar lebensnah bei aller ihrer Skurrilität und überschäumenden Erzählfreude. Und sie sind explizit: Die darin offenherzig be­handelte Sexualität machte von Beginn an einen nicht unerheblichen Teil des Reizes von Irvings Büchern aus. Die er aber mit einer Komik zu behandeln versteht, die den Schilderungen jedes Peinliche nimmt. Ein Beispiel dazu eine Szene aus „Bis ich dich finde“, Irvings dickstem (und Dickens’­schstem) Ro­man, in dem einmal mehr ein junger Mann in die amourösen Fänge einer äl­teren Frau – typisch Irving – geraten ist: „Die Musik war verstummt, aber das hieß nicht, daß Bob Dylan fertig war. Mrs. Oastler schnaufte ihm derart ins Ohr, daß sie Bob Dylan auch dann übertönt hätte, wenn er in Jacks Zimmer ge­standen und aus Leibeskräften gesungen hätte.“ Typisch Irving ist übrigens auch die Liebe zu Bob Dylan.

          Es gibt indes keinen spezifischen John-Irving-Ton, was den ständigen Wechsel seiner deutschen Übersetzer – darunter solche Großmeister wie Michael Walter, Nikolaus Stingl oder Dirk van Gunsteren und mit Irene Rumler eine Frau, die mehr Irving übersetzte als irgendwer sonst – ermöglicht hat. Was es gibt, ist ein John-Irving-Gefühl, gespeist aus der Lebendigkeit seiner Dialoge und einem Pathos, das allerdings, anders als bei anderen großen amerikanischen Erzählern, nie der Natur, sondern stets den Menschen gilt. Irving, und das eint ihn mit Dickens, liebt seine Figuren geradezu abgöttisch. Und er verteidigt sie noch nach Abschluss des Ma­nuskripts, wie etwa sein nimmermüder Einsatz um die Verfilmung seines Ro­mans „Gottes Werk und Teufels Beitrag“ zeigt, zu der er selbst das Drehbuch verfasste (das ihm 2000 einen Oscar einbrachte), aber erst, als mit Lasse Hallström im vierten Versuch ein Regisseur endlich das aus dem Stoff zu machen an­schickte, was Irving erwartete.

          Bedeutende literarische Preise hat John Irving nach dem National Book Award von 1980 für „Garp“ nicht mehr gewonnen. In „Bis ich dich finde“ hebt nach knapp fünfzig Seiten, also noch ganz zu Beginn, ein Absatz mit der lapidaren Feststellung an: „Wie sich erwies, hatten Jack und Alice noch andere Gründe, nach Stockholm zu fahren.“ Wer das 2006 las, mochte hoffen, dass es auch für John Irving einmal andere Gründe dafür geben würde als Lesungen oder Besuche bei Hallström. Doch für den Nobelpreis ist er zu unterhaltsam. Die letzten Jahre schrieb er nach eigener Auskunft an einem Ro­man namens „Darkness as a Bride“, seinem fünfzehnten. Angekündigt ist nun für den kommenden Herbst in Amerika je­doch „The Last Chairlift“. Wie passend, möchte man befürchten, für einen Mann, der an diesem Mittwoch achtzig Jahre alt wird. Aber was bei Irving draufsteht, war noch nie besonders wichtig.

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