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Reemtsma wird siebzig : Fleiß als Lebensnotwendigkeit

Jan Philipp Reemtsma Bild: Sven Simon

Noch bevor er sein Millionenerbe antrat, versprach er einem verehrten Schriftsteller großzügige Förderung. Sein bekanntestes eigenes Buch behandelt die Wochen in der Hand seiner Entführer 1996. Jetzt wird Jan Philipp Reemtsma siebzig.

          3 Min.

          In die Literaturgeschichte trat er ein im Jahr 1977. Nicht als Autor, sondern als Mäzen, doch beide Rollen füllt Jan Philipp Reemtsma mustergültig aus. Doch zunächst war die des Mäzens die wichtigere. Ein reiches Familienerbe, das er im Alter von 26 Jahren antreten würde, verhieß ihm nicht nur finanzielle Unabhängigkeit, sondern begünstigte ihn geradezu verschwenderisch (was Reemtsma jedoch nie selbst verschwenderisch machen sollte). Aber schon im Jahr vor dem testamentarisch festgelegten Erb­antritt fuhr der Germanistik- und Philosophiestudent am 14. Juni (dem Tag der Handlung von James Joyce’ „Ulysses“) in den kleinen niedersächsischen Ort Bargfeld, um dort einen von ihm bewunderten Schriftsteller zu besuchen, den er zuvor noch nie gesehen hatte: Arno Schmidt. Und er kündigte diesem großen Einzelgänger der deutschen Literatur eine Zuwendung an, die in ihrer Höhe die damalige Dotierung des Literatur­nobelpreises übertraf: 350.000 D-Mark. Damit sollte Schmidt frei werden von allen Verpflichtungen, die ihn an der Fortführung seines Schreibens hindern könnten.

          Andreas Platthaus
          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Ein Brief von Schmidt, den dieser später seinem Gönner nach dessen Erb­antritt schrieb, nennt das Datum ihrer Begegnung „einen immer merkwürdigen Tag“. Und erkundigt sich nach Reemtsmas Fortschritten bei der Arbeit mit dem Werk von dessen zweitem Lieblings­autor: Christoph Martin Wieland. Der war nun damals schon seit 165 Jahren tot, aber auch für ihn hat Reemtsma immens viel geleistet. Zwar sollte es mit der Dissertation über den Roman „Ari­stipp und einige seiner Zeitgenossen“, nach der Arno Schmidt fragte (der „Aristipp“ war auch sein bevorzugtes Wieland-Buch), noch anderthalb Jahrzehnte dauern, aber bereits 1984 finanzierte die soeben von Reemtsma ins Leben gerufene Hamburger Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur einen Neudruck von Wielands längst vergriffenen „Sämmt­lichen Werken“, der zu einem Spottpreis zu haben war und den zuvor vergessenen Klassiker mit einem Schlag wieder ins Bewusstsein eines breiteren Publikums brachte. Reemtsmas seitdem ungebrochenes Engagement für Wieland und die Zeugnisse von dessen Leben und Wirken ehrte die Stadt Weimar erst in diesem Jahr mit der Verleihung ihrer Weimar-Medaille an den Hamburger Mäzen.

          Reemtsma ist seitdem längst auch selbst als Schriftsteller bekannt geworden. 1995 erschien sein Buch „Mehr als ein Champion – Über den Stil des Boxers Muhammad Ali“, eines der besten Bücher über den Boxsport überhaupt und von einer gedanklichen und sprachlichen Brillanz, die Reemtsma als großen Essayisten auswies – was sich noch vielfach bestätigen sollte. Er ist mit seinen vielfältigen Aktivitäten – die Künste fördernd und das Publikum fordernd – zu einer Zentral­figur des in­tellektuellen Lebens in Deutschland geworden.

          Zuneigungsbeweis durch Genauigkeit

          Sein erfolgreichstes Buch weist dieselben Qualitäten auf wie das Ali-Meisterwerk, doch es entstand aus denkbar unerfreulichem Anlass. Mit „Im Keller“ legte Reemtsma 1997 Zeugnis ab über seine 32 Tage als Gefangener in der Hand von Entführern, die für seine Freilassung eine Millionensumme erpressten. Es gibt kein Selbstmitleid in diesem Buch, nur Selbstbefragung und damit Selbst­behauptung. Es machte Furore, aber dem schon zuvor eher menschenscheuen Reemtsma war dieser Erfolg ebenso suspekt wie die Aufmerksamkeit, die das Verbrechen seiner Person verschafft hatte – und nicht etwa das von ihm im Geist der Kritischen Theorie gegründete Hamburger Institut für Sozialforschung, das er selbst 25 Jahre lang leiten sollte, das die Zeitschrift „Mittelweg 36“ herausgibt und in den Neun­zigerjahren die höchst umstrittene Ausstellung „Verbrechen der Wehrmacht“ organisiert hat. Reemtsma mag nicht auf Öffentlichkeitswirkung bedacht sein, doch seine ästhetischen und historischen Überzeugungen vertritt er kompromisslos.

          Wer ihn jemals gehört hat, wenn er vorträgt, und mehr noch, wenn er aus Werken von Arno Schmidt oder auch Wieland liest, lernt einen sein Thema Liebenden kennen, der diese Zuneigung nicht durch Emphase, sondern durch größte Präzision ausdrückt. Derselben Genauigkeit sind die von Reemtsma betriebenen editorischen Projekte verpflichtet. Und die eigenen Bücher, so etwa „Folter im Rechtsstaat?“ (2005), in dem er Stellung gegen jedes Zugeständnis an Affekte in der Demokratie bezieht. Es ist für unsere Gesellschaft überlebenswichtig. „Vom Erstaunen zum Bewundern ist nur ein Schritt“, schreibt Wieland in den „Abderiten“. „Ist Fleiß für Menschen & Tiere eine einfache (Lebens)Notwendigkeit?“, fragt Arno Schmidt rhetorisch im letzten vollendeten Satz von „Julia, oder die Gemälde“, dem Buch, das er dank Reemtsmas Unterstützung noch hatte beginnen können, bevor er 1979 starb. Beide Sätze sind wie auf Jan Philipp Reemtsma gemünzt, der an diesem Samstag siebzig Jahre alt wird.

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