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Bertolt Brechts 60. Todestag : Wie man eine beunruhigende Präsenz bleibt

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1898 in Augsburg geboren, am 14. August 1956 in Ost-Berlin gestorben: Bertolt Brecht auf einem Foto aus den zwanziger Jahren Bild: dpa

An diesem Sonntag jährt sich Bertolt Brechts Todestag zum sechzigsten Mal. Was macht die Welt heute mit Brecht? Und was macht er mit ihr?

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          Im Juni 1956 verspricht der kranke Bertolt Brecht, auch nach dem Tod nicht aufzuhören, den Menschen das Leben schwerzumachen. „Schreiben Sie nicht, dass Sie mich bewundern“, weist er den evangelischen Pfarrer Karl Kleinschmidt an und meint damit seinen zukünftigen Nachruf. „Schreiben Sie, dass ich unbequem war und es auch nach meinem Tode zu bleiben gedenke. Es gibt auch dann noch gewisse Möglichkeiten.“ Bereits drei Jahre zuvor hat Brecht seiner Frau Helene Weigel einen Umschlag übergeben, in dem sich eine detaillierte Beerdigungsanleitung befindet. Weil er große Angst hat, lebendig begraben zu werden, soll Weigel sicherstellen, dass er wirklich tot ist. Letztlich beauftragt sie hierzu den Pathologen C. W. Büsing, der Brechts linke Oberschenkelarterie durchtrennt. Der Sarg, in dem er am 17. August 1956 auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof beerdigt wurde, muss sehr schwer gewesen sein - Brecht hatte angeordnet, ihn aus Stahl fertigen zu lassen, um nicht von Würmern zerlegt zu werden.

          Für jemanden, der selbst bei der Choreographie des eigenen Todes um den kleinstmöglichen Interpretationsspielraum bemüht war, hat man Brecht im Laufe der Jahre einer schwindelerregenden Anzahl scheinbar inkompatibler Deutungen und Vereinnahmungen unterzogen, und das innerhalb wie außerhalb Deutschlands: „zu politisch“, „nicht politisch genug“, „apolitisch“; „modern“, „postmodern“, „bis zur Unkenntlichkeit verallgemeinert“. „Das größte Unglück, das Brecht widerfahren konnte“, schrieb der russische Literaturwissenschaftler Efim Etkind 1976, im Sammelband zur vierten Konferenz der International Brecht Society: „Leider ist es passiert, Brecht ist ein wahrer Klassiker geworden. Heute erforscht man seine Beziehung zu allem anderen auf der Welt.“

          Brecht als lebendige Kraft erhalten

          In Oxford fand kürzlich das fünfzehnte Symposion der International Brecht Society statt. 150 Forscher aus sechs Kontinenten waren gekommen, um sich in mehr als hundert Vorträgen, Workshops und Podiumsdiskussionen vier Tage lang dem Thema „Recycling Brecht“ zu widmen. In seiner Eröffnungsrede beglückwünschte der amerikanische Pulitzer-Preisträger Tony Kushner, der 2006 „Mutter Courage“ mit Meryl Streep in der Hauptrolle an den Broadway gebracht hatte, die Briten dazu, wenn schon nicht den eigenen, dann zumindest den rechten Populisten anderer Länder aus angemessen sardonischer Distanz begegnen zu können. In den folgenden Tagen konnte man Kushner und die Brecht-Forscher und -Übersetzer dabei beobachten, wie sie in den blühenden Gärten des St. Hugh’s College saßen und die Situation nach dem Brexit auf sich wirken ließen. Die Stimmung war deprimiert.

          Zumindest geographisch war Oxford einer der langweiligeren Tagungsorte in der Geschichte der IBS, deren Vorliebe für exotische Kulissen Brechts eigener entspricht. Symposien fanden bisher in Brasilien, Hongkong und Honolulu, aber auch in Brechts Heimatstadt Augsburg statt. Wie in den Statuten vermerkt ist, will die Gesellschaft, die 1970 von einer Gruppe junger nordamerikanischer Germanisten gegründet wurde, „internationale Untersuchungen aller Aspekte der Werke und des Lebens Brechts“ fördern, sowie - sich an Brechts eigenen, nicht realisierten Plänen für eine Diderot-Gesellschaft orientierend - die Erforschung der Beziehung zwischen Kunst und Gesellschaft. Es gelte, so heißt es weiter, „Brecht als lebendige Kraft im Theater sowie in der politischen und kulturellen Arena zu erhalten, damit er - wie er es wünschte - eine ,beunruhigende Präsenz‘ bleibt.“

          Der Ernst und das Artistische

          Einen der faszinierendsten Beiträge lieferte Anna Mercedes Hempel aus Paraguay, eine zarte, aber energiegeladene Frau mittleren Alters, die an der Universität von Asunción Germanistik lehrt. Den Blick in der Mitte des Raums fixiert und nur gelegentlich auf ihre Notizen herabblickend, eröffnete sie das Podium zu „Brechts Brauchbarkeit“ in halb flehendem, halb deklaratorischem Ton: „Der wilde, unmenschliche Kapitalismus ist diskreditiert und unsympathisch geworden. Der vielmals totgesagte Brecht könnte auferstehen, mit enormem Schwung.“ Ihr Vortrag behandelte: die sozialpolitische Lage in Paraguay mit seinem Präsidenten, der „am Verewigungssyndrom“ leide und nun die Verfassung ändern wolle, um wiedergewählt werden zu können; die korrupte Verwaltung ihrer eigenen Universität und die erfolgreiche Studentenrevolte dagegen im Jahr 2015; die Ermordung der britischen Abgeordneten Jo Cox; die italienische Berlusconi-Zeitung „Il Giornale“, die im Juni Hitlers „Mein Kampf“ als geeignete Beilage für die Wochenendausgabe betrachtet hatte. „Viele Menschen auf der ganzen Welt“, fuhr Hempel fort, „gehen mit angeblich offenen Augen direkt in die Richtung, die schlimmsten Verbrechen, die im Laufe der Geschichte begangen worden sind, zu wiederholen.“ Gerade als es so schien, als wäre sie fertig, schnellte sie abermals hoch: „Es ist Zeit, etwas dagegen zu tun. Ich glaube, es geht um Leben und Tod!“

          Die Grabsteine von Bertolt Brecht und Helene Weigel-Brecht auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin

          Nachdem die Brecht-Forscher aus dem Publikum aufgehört hatten, lautstark zu applaudieren, meldete sich der deutsche Theaterwissenschaftler Nikolaus Müller-Schöll zu Wort. Ob es ihr mit ihrem Vortrag ganz ernst sei, fragte er Hempel. „Warum fragen Sie das?“ Nun ja, antwortete Müller-Schöll, er beziehe sich auf Brechts berühmtes Gespräch mit Walter Benjamin. Oft stelle er sich ein Tribunal vor, soll Brecht zu Benjamin gesagt haben, dem er die Frage beantworten müsse, „ob es ihm eigentlich ernst sei“. Und „ganz ernst“ sei es ihm nicht, habe Brecht zugegeben, „ich denke ja auch zu viel an Artistisches, an das, was dem Theater zugutekommt, als dass es mir ganz ernst sein könnte“. Ins erleichterte Raunen im Raum erklang die feste, ruhige Stimme der Professorin: „Für mich ist er brauchbar als Aufklärer, für Paraguay. Ich glaube, Brecht kann uns zum Handeln bewegen. Er hat Energie, und er gefällt mir so.“

          Als würden sie einschlafen

          In seinen Tagebüchern schreibt Brecht: „Ich bin zu asiatisch, um auf Scheiterhaufen für die Wahrheit zu sterben.“ Wie asiatisch genau er war, darüber sind die Meinungen geteilt. Den Bericht zur IBS-Konferenz in Hongkong 1986 überschrieb Carl Weber mit „Brecht ist in Asien zu Hause“, und auch Brecht selbst zog im Aufsatz „Alienation Effects in Chinese Acting“, der 1936 in der englischen Zeitschrift „Life and Letters“ erschien, das chinesische Theater zur ersten substantiellen Erläuterung seiner Theorie der Verfremdung heran. Im chinesischen wie in seinem eigenen, dem Epischen Theater, schrieb er, sei das Ziel des Schauspielers, nicht vertraut, sondern „fremd und sogar überraschend“ auf die Zuschauer zu wirken. Nur so könne man verstehen, wie die Dinge funktionieren - nicht, indem man sie klar macht oder gar erklärt.

          Brecht 1918 im Alter von zwanzig Jahren

          Lin Cheng, der an der Freien Universität Berlin in Neuerer Deutscher Literatur promoviert, führt an einem schwülen Julitag vom Berliner Ensemble zum Karlplatz in Richtung Chauseestraße 125, wo Brecht die letzten drei Jahre seines Lebens verbrachte. Im vergangenen Sommer hat Cheng diesen „Brecht-Spaziergang“ schon einmal unternommen, mit vierzig chinesischen Studenten. Mit Brecht befasste er sich zum ersten Mal während seines Masterstudiums in Peking. Sein Referat über das Epische Theater war damals so lang geraten, dass seine Kommilitoninnen irgendwann so taten, als würden sie einschlafen.

          Alles in der inneren Ruhe erkennen

          Gerade beschäftigt sich Cheng mit Brechts unvollendetem „Zweifler“-Gedicht von 1937, das sich mit jenem chinesischen Rollbild auseinandersetzt, das Brecht derart schätzte, dass er es an mehreren Exil-Arbeitsplätzen an zentraler Stelle plazierte. Das Bild, wahrscheinlich ein Werk des Malers Gao Qipei aus dem frühen achtzehnten Jahrhundert, zeigt einen im Sitzen zusammengesunkenen dicken Mann mit grauem Fransenbart in einem langen fließenden Gewand. Rechts oben befindet sich in chinesischer Schrift ein vierzeiliges Gedicht. Brecht fühlte sich von alldem zu diesen Zeilen inspiriert: „Und den Widerspruch aus den Dingen entfernen; ist es zu eindeutig? / Dann ist es unbrauchbar, was ihr sagt. Euer Ding ist dann leblos.“

          An Brechts Grab angekommen, erläutert Cheng: „In beiden Gedichten geht es darum, etwas zu überprüfen, aber auf ganz unterschiedliche Weise.“ Denn während Brecht seinen Zweifler fünfzehn Fragen stellen lässt, die schließlich in die größtmögliche münden („Wie handelt man?“), enthält das chinesische Bildgedicht den für den Daoismus typischen Begriff wuwei. Dieser lässt sich übersetzen als „nicht (aktiv) handeln“ oder „alles in der Stille oder in der inneren Ruhe erkennen“. Zweifel, so Cheng, habe die chinesische Erzählstimme eher nicht.

          In all seiner Vielfältigkeit und Widersprüchlichkeit

          All das, glaubt er, muss jedoch nicht als Missverständnis - gewollt oder ungewollt - ja noch nicht einmal als umumkehrbare Umwandlung der chinesischen Bildfigur zum Zweifler verstanden werden. Vielleicht kannte Brecht die Bedeutung des chinesischen Vierzeilers, vielleicht nicht. Viel interessanter: Nach der Lektüre von Brechts Gedicht ist es möglich, beide Figuren gleichzeitig zu sehen, Brechts und Gao Qipeis. Ganz im Sinne der Verfremdung sind wir plötzlich nicht mehr sicher: Signalisieren die v-förmig nach außen zeigenden Augenbrauen angestrengte oder milde nachdenkliche Gesichtszüge? Der linke Fuß ist lässig nach außen gestreckt, der rechte, angewinkelte, wirkt steif. Wen haben wir also vor uns, einen in sich ruhenden Weisen oder einen „Mann ... der / So sehr zweifelte“? Brechts Gedicht, sagt Cheng, sei wie ein Spiegel, der Licht zurück in die chinesische Kultur reflektiere. Gibt es, frage er sich nun, im traditionellen chinesischen Gedankengut „Zweifel“?

          Und Brecht? Zwischen Großbritannien und Paraguay, China und Deutschland und vielen Ländern mehr umhervagabundierend, wie man es heute kann, offenbart er sich in all seiner Vielfältigkeit und Widersprüchlichkeit: als Zweifler und als Aufklärer, als Marxist und Daoist, als Didaktiker und Dialektiker, als ewiger Beunruhiger. „Das ist ein Witz“, sagt er am Morgen des 14. August 1956, seinem Todestag, noch zu seiner Mitarbeiterin und Geliebten Elisabeth Hauptmann, „oder ich bin schwer krank“, als wäre wirklich beides möglich. Am Nachmittag beginnt sein Herz zu rasen, sein Blutdruck fällt in kaum mehr messbare Tiefen. Um 23.30 Uhr hört man auf, ihn zu reanimieren. Seine letzten Worte sind: „Lasst mich in Ruhe.“

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