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Dichterin Sibylla Schwarz : Die Begründerin des weiblichen Parnass

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Postum erschienen: „Deutsche Poetische Gedichte“ von 1650 mit einem Kupferstichporträt von Sibylla Schwarz[ Bild: bpk / Staatsbibliothek zu Berlin

Eines der frühesten Bekenntnisse in Sachen Weiblichkeit und Literatur stammt von Sibylla Schwarz. Die Barockdichterin wurde nur siebzehn Jahre alt. Vor vierhundert Jahren kam sie auf die Welt.

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          Sibylla Schwarz, die früh verstorbene barocke Lyrikerin, galt einst als „Pommersche Sappho“ und als „Wunder ihrer Zeit“. Aber schon der Polyhistor Daniel Georg Morhof, der diese rühmenden Wendungen fand, wunderte sich, dass man die Dichterin „nicht in größer Hochachtung gehalten“ habe. Spätere Zeiten taten das umso weniger, und Sibylla Schwarz war lange Zeit fast verschollen. Inzwischen stehen ihre Gedichte wieder in den Anthologien, und der Feminismus hält ihr Andenken hoch. Auch gibt es Autorinnen und Autoren, die sich von der einstigen Kollegin anregen lassen. Kurz: Im Jahr ihres vierhundertsten Geburtstags scheint Sibylla Schwarz ihren Platz in unserem literarischen Bewusstsein zu finden.

          Es ist das schmerzliche Paradox, dass Lebenszeit und Lebensleistung der Dichterin so auseinanderklaffen. Morhof sprach vom Widerspruch von „zartem Alter“ und „großem Geist“. Ein Tod mit siebzehn Jahren ist nicht Vollendung, sondern Abbruch. Fünf Jahre liegen zwischen dem ersten und dem letzten Gedicht. Mit dreizehn, Ende 1633, schrieb Sibylla ihre ersten datierbaren Verse. Die „Fretowische Fröligkeit“ rühmt das elterliche Landgut am Greifswalder Bodden, das sie so sehr liebte. Ihr letztes Gedicht schrieb die an Ruhr erkrankte Siebzehnjährige auf ihrem Sterbebett. Es war ein Sonett zur Hochzeit ihrer älteren Schwester Emerentia, und eben an diesem Hochzeitstag starb Sibylla Schwarz. Die Leichenpredigt, die im Greifswalder Dom gehalten wurde, stellt die Schwestern in einen biblischen Kontext: Während die ältere Schwester sich auf Erden verheiratet habe, sei Sibylla den Weg der himmlischen Hochzeit gegangen. Die Predigt erwähnt aber auch, dass die „kluge Jungfrau“ schöne Bußpsalmen habe dichten können.

          Lebenslang nur Krieg gekannt

          Zwar hatte Sibylla Schwarz gewünscht, ihre Sachen zum Druck zu bringen. Dennoch dauerte es zwölf Jahre, ehe eine erste Ausgabe ihrer Dichtungen erschien – damals immerhin die erste Werkausgabe einer Frau. Der Theologe und Dichter Samuel Gerlach, ihr früherer Hauslehrer, hatte die beiden Bände „Deutsche Poetische Gedichte“ herausgegeben. Zwei Kupferstiche waren ihnen vorangestellt, die Jacob Sandrart entworfen hatte. Auf dem ersten findet sich das Porträt der Dichterin, umrahmt von antiken Sibyllenfiguren, und die Umschrift „Die Deutsche Sibylla“. Das war 1650, ganze zwei Jahre nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges.

          Man begreift Sibylla Schwarz kaum, wenn man nicht sieht, dass die „deutsche Sibylla“ lebenslang nur Krieg gekannt hat. Als jüngstes von sechs Kindern wurde sie in die Familie des Greifswalder Ratsherrn und Bürgermeisters Christian Schwarz hineingeboren. Ehe der Krieg nach Greifswald kam, hatte Sibylla eine glückliche Kindheit. Dann plünderten Wallensteins Truppen die Stadt, Sibyllas Mutter starb während einer Pestepidemie, und 1631 marschierten die Schweden unter Gustav Adolf ein; sie brannten auch das Gut der Familie nieder. Unter solch extremen Bedingungen erwarb sich Sibylla eine ungewöhnliche Bildung: die Kenntnis des Lateinischen und Holländischen sowie der antiken Mythologie und der deutschen Verskunst und Metrik. Samuel Gerlach, zeitweilig ihr Hauslehrer, machte sie mit dem Werk von Martin Opitz und dessen „Buch von der Deutschen Poeterey“ bekannt, und Sibylla Schwarz, die Opitz nie begegnete, erwies sich als seine glänzendste Schülerin.

          In ihrem „Gesang wider den Neid“ rühmt sie Opitz: „Mein Opitz (dem das Lob gebühret / Dass Teutschlandt, seiner Sprachen Pracht / Und edlen Leier halben führet / Weil er den Anfang hat gemacht)/ Wird billig obenan geschrieben / Bei den’n, die Kunst und Tugend lieben.“

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