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250. Geburtstag von Hölderlin : Als wär’s ein erstes Mal

Hier lebte der Dichter von 1807 bis zu seinem Tod im Jahr 1843: der Hölderlin-Turm am Neckar in Tübingen. Bild: Picture-Alliance

In mehrfacher Hinsicht ist dieser Bürger und Bewohner des 18. und 19. zum ausschließlichen Autor des 20. Jahrhunderts geworden: Wie die Philosophie und Literaturwissenschaft der Moderne Hölderlin wieder- und neu entdeckt hat.

          6 Min.

          In der vorletzten Szene des Theaterstücks „Hölderlin“ von Peter Weiss aus dem Jahre 1971 ist der greise und geisteskranke Dichter plötzlich wieder munter im Kopf und in der Seele. Revitalisiert hat den über Siebzigjährigen der junge, noch keine fünfundzwanzig Jahre alte Karl Marx. Er bereitet gerade seine erste Publikation vor – die „Einleitung zur Kritik des Hegelschen Staatsrechts“ von 1844. Noch sind es zwei, drei Jahre bis dahin. Zeit also, den armen, alten Hölderlin im Tübinger Turm zu besuchen. Es sei, lobt der Marx des Peter Weiss den Dichter, „kein Fehler“ gewesen, „ein halbes Jahrhundert zuvor die Umwälzung nicht als wissenschaftlich begründete Notwendigkeit, sondern als mythologische Ahnung“ beschrieben zu haben. Sogleich und „in großer Erregung“ eilt der damit zum Vorläufer des Marxismus promovierte Poet freudig an sein Stehpult. „Da kann ich endlich“, ruft Hölderlin aus, „ans Werck gehen, da stehn die Thürn mir endlich offen“.

          Jochen Hieber

          Freier Autor im Feuilleton.

          Zu einfach wäre, das Hölderlinstück von 1971 im Rückblick zum bloßen Revolutionskitsch zu verkleinern. Sein Mehrwert bleibt: Es war Teil einer enormen Dichter-Renaissance. Sie machte in den sechziger und siebziger Jahren aus dem ehrfürchtig bestaunten, als unverständlich geltenden Klassiker einen emphatischen Zeitgenossen der Moderne, mehr noch: einen „Avantgardisten der Avantgarde“, wie der Derrida- und Lacan-Schüler Philippe Lacoue-Labarthe deklarierte. Aus Frankreich kam auch der entscheidende Impuls der neuen deutschen Begeisterung. 1969 erschien „Hölderlin und die Französische Revolution“, ein fulminanter Traktat des Germanisten Pierre Bertaux, der den Dichter als verkappten Jakobiner porträtierte – und der Suhrkamp-Kultur zu einer weiteren Lichtgestalt verhalf.

          Wie Peter Weiss war auch Bertaux ein Autor des Verlagschefs Siegfried Unseld. Längst Säulen von Suhrkamp waren die beiden anderen großen Hölderlin-Propagandisten der sechziger Jahre: Theodor W. Adorno und Martin Walser. „Vor dem Allbekannten reiben Hölderlins Verse sich gleichsam die Augen, als wäre es ein erstes Mal“: Adornos bis heute epochaler Aufsatz „Parataxis. Zur späten Lyrik Hölderlins“ erschien in den „Noten zur Literatur“ erstmals 1965, gleichzeitig mit Walsers Sammlung „Erfahrungen und Leseerfahrungen“, die das nicht minder bahnbrechende autobiographische Bekenntnis „Hölderlin auf dem Dachboden“ enthielt – eine Freiheits-Eloge auf das unverstellte, naive, von keinerlei „Besteck“ aus Begriffen und Erläuterungen limitierte Lesen. „Hölderlin zu entsprechen“: Walser redete 1970 im Stuttgarter Staatstheater auch zur Feier des zweihundertsten Geburtstags.

          Von Geisteskrankheit keine Spur

          Gewiss, Heinrich von Kleist und Georg Büchner treten damals ebenfalls aus Goethes und Schillers Schatten. Hölderlins neue Präsenz aber überstrahlt alles. Der Regisseur Klaus Michael Grüber nimmt sich 1975 an der Berliner Schaubühne der fragmentarischen, im Grunde unspielbaren Tragödie „Der Tod des Empedokles“ an und inszeniert sie als Sinnbild gescheiterter Fortschrittshoffnung. Mit dem „Hyperion“, Hölderlins einzigem Roman, bricht Grüber 1977 zur „Winterreise ins Olympiastadion“ auf und lässt den Titelhelden beim Lauf über die Hürden der deutschen Geschichte ein ums andere Mal stürzen. Peter Härtling landet 1976 mit der Romanbiographie „Hölderlin“ einen verdienten Bestseller, weil es ihm ganz in Walsers Sinn gelingt, seine Hauptfigur sehr nahbar zu schildern, ohne sie dabei zu banalisieren: Popularisierung im besten Sinn. Gedichte auf Hölderlin sind ubiquitär, nur Ingeborg Bachmann entzieht sich. Dafür schreibt Paul Celan mit „Tübingen, Jänner“ besonders ergreifende Verse.

          Es sind drei Themen, von denen die Hölderlin-Rezeption beherrscht wird: die poetische und philosophische Beschwörung der griechischen Antike als Vorbild für die deutsche(n) Gegenwart(en), das Verhältnis zu Politik und Gesellschaft im Zeitalter der Koalitionskriege und der Wahnsinn des Dichters in der zweiten Lebenshälfte von 1806 bis 1843. Für Bertaux allerdings, der 1978 mit „Friedrich Hölderlin“ eine zweite, psychobiographisch argumentierende Studie vorlegt, ist der Dichter zeitlebens vernünftig, von 1802 an, nach dem frühen Tod der geliebten Susette Gontard, ein bisweilen depressiver, einsiedlerischer Charakter, von Geisteskrankheit aber keine Spur.

          Die bis heute berühmtesten Verse fehlten

          „Dichtung und Wahnsinn“: So hatte Wilhelm Waiblinger die erste, 1831 erschienene Lebensbeschreibung Hölderlins betitelt und den Mythos vom an sich selbst scheiternden Genie geprägt, den Bertaux nun destruierte. Dessen Buch fand enormen Widerhall, nicht zuletzt, weil es der antipsychiatrischen Aversion der Zeit entsprach. Hölderlins Irresein entpuppte sich als eine „aus wohlüberlegten Gründen“ erst inszenierte, dann habitualisierte Mimikry, um politischer Verfolgung zu entgehen.

          Den Zeitgenossen war der Dichter nahezu unbekannt. Lediglich der „Hyperion“- Roman war als Buch erschienen, 1797 und 1799 in zwei Bänden, was den spärlichen Absatz zusätzlich schmälerte. Hinzu kam eine Reihe von Gedichten, vereinzelt und verstreut in Zeitschriften publiziert. Bei den Romantikern um die Schlegel-Brüder und Clemens Brentano, bei Bettine und Achim von Arnim, in der schwäbischen Dichterschule um Kerner, Uhland, Mörike und Gustav Schwab galt Hölderlins Verskunst als Geheimtipp, sie alle aber faszinierte vor allem der umnachtete Poet in der jahrzehntelangen Obhut der Tübinger Schreinerfamilie Zimmer. Erst 1826 erschien, von Schwab und Uhland ediert, eine erste Auswahl der Gedichte. Penibel achtete sie darauf, dass die Poesie „in ihrer vollen und gesunden Kraft“ erstrahle, selbst „Hälfte des Lebens“, die unvergleichlichen und bis heute berühmtesten Verse, fehlten also, obwohl sie bereits im „Taschenbuch auf das Jahr 1805“ veröffentlicht worden waren.

          Hölderlins Wort Gehör verschaffen

          Nahezu alles an Hölderlin ist singulär, auch die Stellung in der Literaturgeschichte. In mehrfacher Hinsicht ist dieser Bürger und Bewohner des achtzehnten und neunzehnten zum ausschließlichen Autor des zwanzigsten Jahrhunderts geworden. Das Vorhandensein aller überlieferten Texte im Druck, die daraus resultierende und stetig wachsende Wirkung seines Werks: eine exklusive Errungenschaft der Moderne. Eine Schwellenfigur ist dabei Friedrich Nietzsche, der 1900 stirbt. Unmittelbar nimmt dessen Werk nur wenig Bezug auf Hölderlin. Ohne das utopische Vergegenwärtigen des Götterolymps, ohne das mächtige Aufwerten der Figur und des Mythos des Dionysos, ohne die damit einhergehende Abkehr von christlicher Tradition, zumal des pietistischen Protestantismus, kurz: ohne das hölderlinische Hintergrundrauschen kann man sich Nietzsches Philosophie schwer vorstellen.

          Martin Heideggers Hölderlin-Bild entsteht Mitte der dreißiger Jahre. Es zeigt in den „Erläuterungen zu Hölderlins Dichtung“ und in den „Beiträgen zur Philosophie“ ein erhabenes Hereinholen des poetischen Tons in die eigene philosophische Diktion und zugleich ein Aufwerten des dichterischen Werks bis zur manifesten Idolatrie. „Die geschichtliche Bestimmung der Philosophie gipfelt in der Erkenntnis der Notwendigkeit, Hölderlins Wort das Gehör zu schaffen“, heißt es. Heideggers Hölderlin-Emphase zur Gänze abzutun verbietet sich: Zu dürftig sind mittlerweile die Zeiten für Dichter.

          Keine weitere Renaissance, weil es keiner bedarf

          Die Renaissance der sechziger und siebziger Jahre war auch eine Antwort auf das Pathos vergangener Hölderlin-Gottesdienste, die weit vor Beginn des Ersten Weltkriegs im George-Kreis ihren Ausgang nahmen und den elegischen Sänger zum frühen Künder des „geheimen Deutschlands“ kürten. Und sie war die Replik auf Hölderlins nationalsozialistische Zurichtung, die in Feldpostausgaben der Gedichte an ihr Ziel gelangte und natürlich auch die einzig unverzeihlichen Verse, die er je schrieb, auf ihr Banner setzte: „Der Tod fürs Vaterland“. Hölderlin-Nachahmer, rasch wieder vergessen, gibt es viele in der jüngeren Geschichte der deutschen Lyrik. Hölderlin-Nachfolge findet sich neben Stefan George partiell bei Hofmannsthal, Trakl, Benn oder Celan. Rainer Maria Rilke aber kommt Hölderlins Tönen und Dichtarten vor allem in den „Duineser Elegien“ und den „Sonetten an Orpheus“ so nahe, dass ihn nur das eigene Genie vor Epigonentum retten kann – was auch geschieht.

          Aus dem George-Kreis stammt Norbert von Hellingrath, 1888 in München geboren, gefallen 1916 in der Schlacht um Verdun. Ohne ihn hätte es die Neuentdeckung Hölderlins zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts nicht gegeben. Er hat, zunächst gegen akademische Widerstände, die späte Dichtung, die mehr als hundert Jahre nach ihrem Entstehen fast ausnahmslos ungedruckt war, als Erster ediert, also die Elegien von „Brod und Wein“ über „Stutgard“ bis „Der Gang aufs Land“, die nicht selten grandiose Fragmente gebliebenen Gesänge von „Am Quell der Donau“ über „Der Rhein“ bis zu „Patmos“, „Mnemosyne“ und dem ganz und gar einzigartigen „Andenken“. Für ihn sind sie „Herz, Kern und Gipfel“ von Hölderlins Werk.

          Hellingrath hat exzeptionelle Nachfolger gefunden. Friedrich Beißner zuerst, der von 1943 an die Große Stuttgarter Ausgabe verantwortete, D. E. Sattler danach, der von 1975 an zusammen mit dem Verleger KD Wolff die Frankfurter Ausgabe herausgab, mit der Faksimilierung der Handschriften und der radikalen Revision des editorischen Apparats philologisches Neuland eroberte und erschloss. Zum 250. Geburtstag des singulären Schwaben gibt es keine weitere Renaissance, weil es keiner bedarf. Wer von anderen wissen will, wie es um ihn stand und steht, lese „Komm! ins Offene, Freund!“, die neue Biographie von Rüdiger Safranski, oder den überaus klugen Essay von Karl-Heinz Ott: „Hölderlins Geister“. Immer aber gilt: „Schöner freilich muß es werden, wenn“. Danach bricht der Vers aus „Der Gang aufs Land“ ab.

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